Wechselnde Wetter an der Amstel

Andrea Knobloch, 21./22. 04.2012
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April-Himmel über Amsterdam

Die Grenze ist zu ahnen. Hinter Emmerich zieht sie sich durch feuchtgrüne Wiesen. Danach ist die Landschaft aufgeräumt. Geharkte und unkrautfreie Beetstreifen umfassen die Wellblechcontainer der ausgefegten Gewerbegebiete. Wie aufgepolsterte Matratzen liegen Weiden und Koppeln zwischen schnurgerade gegrabenen Entwässerungskanälen. Aufblitzendes Himmelsleuchten wird von den spiegelnden Oberflächen der stehenden Wasser reflektiert. Soweit ist alles flach und übersichtlich.

Erst wenn der Zug die Amsterdamer Vorstädte durchquert, scheint es angezeigt, den Kopf an die Fensterscheibe zu pressen, um auch die Spitzen der aufragenden Bauten betrachten zu können. Vorbei am moosig grünlichen Trichter des von Renzo Piano entworfenen Wissenschaftsmuseums „Nemo“ erreicht der Zug Amsterdam Centraal. Die langgestreckte Gleishalle schmiegt sich an das Amstel-Ufer. Hier legen die Fähren an, die mit Fußgängern, Fahrrad- und Mopedfahrern beladen im 5-Minuten-Takt den Fluss überqueren. Ich wende mich dem Innenstadtausgang zu und bin beeindruckt von der backsteingedeckten Vorhalle. Auf Querträgern aufgelagert und unterbrochen von mit blumigen Ornamenten verzierten Verstärkungen reihen sich schmale gewölbte Rippen aus gelblichen Steinen. Die technisch-funktionale Stabilität der imposanten, genieteten Stahlträger löst sich in der verspielten und beinahe textilen Leichtigkeit der darüber gelegten welligen Decke.

Meinen Gastgeber treffe ich auf dem Vorplatz. Von Amsterdam Noord fahren die Busse heute nicht bis Centraal, deswegen ist er verspätet. Auf einem ersten Erkundungsgang durch die Gassen des an den Bahnhof grenzenden Innenstadtviertels wühlen wir uns durch Touristengruppen, die sich von ihrer Reiseleitung die Stadt erklären lassen. In dichten Trauben zusammengedrängt setzen sie sich im Geäst der engen Straßen fest und weder lautes Hupen noch freundliche Ansprache bringen sie dazu, sich von der Stelle zu bewegen.

Der Damrak führt weg vom Bahnhof und durchquert dabei die innere Stadt Richtung Grachtengürtel. John Brinckerhoff Jackson würde vermutlich in dieser Straße einen „Pfad des Fremden“ erkennen, den er in amerikanischen Klein- und Mittelstädten als den Weg identifiziert hat, der den Ankommenden in die ihm fremde Stadt hinein führt. Ein solcher Pfad stellt ein besonderes Angebot bereit, das auf die spontanen Regungen des Reisenden antwortet, der sich mit seinen Bedürfnissen nicht lange aufhalten will. Fast Food, fast Fun und an das Hiergewesensein erinnernde Mitbringsel werden unter grellen Leuchtschriften angepriesen. Die billigen Geschäfte und Imbiss-Restaurants haben sich in die Erdgeschosse der eng beieinander stehenden Gebäude hineingefressen und sie nahezu vollständig ausgehöhlt. Wechselstuben, preisgünstige Hotels und Spielhallen ergänzen das Bild. Nicht zu reden von allerlei anderen, mehr oder weniger jugendfreien Offerten, die hinter buntem Plastikkitsch und unechtem Marmor auf Kundschaft warten.

Brinckerhoffs Pfad des Fremden wendet sich an Männer, die in die Stadt kommen um sich zu amüsieren, Geschäfte abzuwickeln und andere Männer zu treffen. Damit soll hier Schluss sein. Die Amsterdamer Stadtregierung wünscht sich stattdessen einen familientauglichen Metropolen-Boulevard. Was dem nicht steht, wird geschlossen und die Schaufensterscheiben mit bunten Aussichten auf den unterkühlten Chic einer massentauglichen Franchisegastronomie verklebt. Zwischen den Fahrbahnen auf dem Mittelstreifen der ausladend breiten Straße wurden blau gestrichene Stelen und Poller aufgestellt, formal eine unbeholfene Allianz zwischen Baukasten und Brancusi. Passt alles noch nicht so ganz. Die Straßenmusikanten sind auch immer noch da und gegenüber auf dem Platz vor der Börse stapeln sich Reste des Occupy-Camps, das hier bis vor einer Woche geduldet wurde. Die kontrollierte Re-Interpretation der Stadt Amsterdam pustet mit aller Macht den Geruch nach Freizügigkeit und nach dem widerständigen und vitalen Humor der Nonkonformisten und Kiffer aus den Gassen heraus. Vorstadt-Reinlichkeit und Ordnung („fietsen worden verwijderd“) ziehen ein und warten auf das passende Publikum.

Wir nehmen die Fähre und setzen über an das andere Ufer. Das neu eröffnete „Eye Film Institute Netherlands“ (Architektur: Delugan Meissl Associated Architects) räkelt sich auf dem frisch verlegten Rollrasen neben der Anlegestelle. Seine ausladend schneeweißen Flügel glänzen mit ihrer mosaikartigen Fassadenplattierung und es flirtet heftig mit dem gegenüberliegenden Innenstadtufer. Seinen unmittelbaren Nachbarn, den noch baustellenfrischen exklusiven Apartmenthäusern mit hochwertig ausgestatteten Loft-Etagen, streckt es sein nicht sonderlich wohl proportioniertes Hinterteil entgegen. Mit dem Eye als kultureller Vorhut wagt die Stadt den Sprung über die Amstel. Ebenso wie Hamburg, das sein ungeliebtes aber innenstadtnahes südliches Hinterland auf der anderen Elbseite in eine attraktive Wohnlage verwandeln will, besinnt sich Amsterdam auf den bisher wenig beachteten Norden.

Neubau des Eye Film Institute Netherlands

Die hochfliegenden Planungen sind allerdings ins Stocken geraten. Schulden aufnehmen für eine 200 Quadratmeter Loftwohnung plus Terrasse, über die der beständige und kräftige Nordwind pfeift, das überlegt man sich in diesen Tagen. Der Blick ist traumhaft, zum Einkaufen für den täglichen Bedarf muss man allerdings mit der Fähre übersetzen. Das bis vor kurzem gewerblich und industriell genutzte Gebiet verfügt in dieser Hinsicht über keine nennenswerte Infrastruktur. Was dringender gebraucht wird, dafür lassen sich Investoren nicht begeistern: Bezahlbarer Wohnraum in Innenstadtnähe ist und bleibt Mangelware. Und das würde sich auch mit einer fortschreitenden Entwicklung von Amsterdam Noord nicht ändern. Im Gegenteil: Eigentümer und Wohnungsbaugesellschaften warten auf den Boom, der zahlungskräftiges Klientel in die Gegend schwemmen und den Wert der Immobilien vervielfachen soll. Bis dahin werden freie Wohnungen und Geschäftsflächen nicht vermietet und so findet man auch hier an der Durchgangsstraße zugeklebte Schaufenster. Verblichene Großfotos zeigen glückliche Händler, die inmitten überquellender Regale mit netten Kundinnen plaudern. Geöffnet hat der einzige Supermarkt und einige bemühte Kreativwirtschaftler haben das Logo ihrer neu gegründeten Werbegemeinschaft über ihre Ladentüren geschraubt.

Mit dem Fahrrad durchqueren wir die Stadtlandschaft. Die Häuser der Arbeitersiedlungen sehen winzig aus. Von innen sind sie erstaunlich großzügig – kompakt, aber komfortabel. Eng aneinander gestellt mäandern unzählige dieser ein, höchstens zwei Stockwerke hohen, flach bedachten oder begiebelten Typenhäuschen straßauf straßab durchs Polderland. Nicht unterkellert, denn das Wasser steht hier eine Handbreit unterm Boden, dafür aber mit Abstellkammern und Gerätehäuschen in den handtuchgroßen Gärten ausgestattet. Nachbarschaften in grau mit gelben Haustüren oder in rotem Backstein mit grünen Türen und weiß gefassten Fenstern: Alles wirkt angenehm handhabbar und übersichtlich – aber ebenso eng und dicht, Labyrinthe der unumgehbaren Nähe. Der Wind von Norden bläst uns durch einen Park mit einem wunderbar zusammen gezimmerten kistenkleinen Terrassencafé, das eine Nachbarschaftsinitiative in Eigenregie betreibt. Gleich neben an werden Investoren gesucht für die vielen leer geräumten Bauerwartungsflächen rund um die aufgegebenen Gewerbebauten der Hafenindustrie. Werfthallen, Kathedralen des Machbaren, harren aus, rostig aber immer noch großspurig. Ihre meterhohen Tore öffnen sie heute nur noch für gelegentliche Zwischennutzungen. Nebenan stapeln sich die Container des Studentenwohnheims. In der Amsterdamer Innenstadt ist kein Platz dafür und so lebt man eben in der improvisierten Langzeit-Notlösung. Windiges Baustellenambiente, aber durchaus mit Kult-Charakter. Hier kann man Party machen und die Dezibels ohne Rücksicht bis in den späten Morgen im oberen Bereich halten.

Studentenwohnheim, Amsterdam Noord

Amsterdam segelt hart am Wind. Bis an den Kragen verschuldet bangen die Menschen in den schmucken Reihenhäusern um das Auskommen mit dem Einkommen. Ein paar Euro weniger nach dem Jobwechsel und schon drückt die Last der Schuldzinsen dem Traum vom Eigenheim die Luft ab. Von der großen Krise bedrängt will die Stadtregierung doch nicht lassen von der Vision der aufgeputzten gemütlich-coolen Weltstadt. Vieles hat man bereits still zu den Akten gelegt und in so mancher Baugrube wird auf lange Sicht nur das Grundwasser ansteigen. Der Feldzug gegen alles, was sich der Kontroll- und Ordnungswut rechtskonservativer Politiker entziehen könnte, geht allerdings ungebrochen weiter. Das niederländische Kulturministerium hat dem Netherlands Media Art Institute zum Ende dieses Jahres die finanzielle Unterstützung aufgekündigt. Das bedeutet Schließung und Unklarheit über den Fortbestand der Sammlungen. Auch SKOR, Stiftung für Kunst im öffentlichen Raum wird nicht länger unterstützt. Der Etat der Mondriaan Stiftung wurde empfindlich gekürzt. Ein politisches Denken und Handeln, das zunächst immer ein kaufmännisches ist und das eine Stadt in erster Linie als sauberen, sicheren Handelsplatz entwirft – abgeschirmt gegen alle und alles, was diese Funktion irritieren könnte – sieht Kunst und Kultur als Mittel zum Zweck. Durch die Rückführung staatlicher Unterstützung werden die Handlungsspielräume von Künstler/innen und Kulturschaffende gezielt eingeschränkt. Stattdessen drängt man sie mit Hilfe von Ansiedlungsprogrammen für „Kreative“ in als problematisch klassifizierte Stadtteile ab, damit sie dort touristische Attraktivität und soziale Befriedung befördern. Im Gegenzug gibt es dann in der „Theaterstraße“ oder dem „Bildhauerweg“ zwar peripheren aber preiswerten Wohn-, Arbeits- und Ausstellungsraum.

Amsterdam ist eine wunderbare Stadt. Ihre Schönheiten sind ungezählt, ihre Straßen, Plätze und Gebäude so voller Merkwürdigkeiten, eine unübersehbare Mixtur von Formensprachen und überraschenden Raumbildungen, dass wohl jedem Besucher bald der Wunsch zusetzt, hier bleiben zu wollen, eine Wohnung zu nehmen und sich dem Rhythmus der Stadt zu überlassen. Und doch spürt man eine Enge, die sich breit macht und droht, in Engstirnigkeit zu erstarren.