Unterführungen in Bad Kleinen

Ute Vorkoeper, 1.5.2012
Bildstrecke Bad Kleinen


Bahnunterführung Bad Kleinen

Bad Kleinen schaut aus wie eine Vorstadt – allerdings fehlt die dazu gehörige Stadt. Dabei war die Gemeinde am Nordende des Schweriner Sees irgendwann tatsächlich einmal drauf und dran, eine Stadt zu werden. Über Jahrzehnte war sie ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt – erst in Wilhelminischer Zeit und später auch in der DDR…

Den Zusatz Bad verlieh ihr der Kaiser mit Blick auf eine Zukunft, die nie eingetreten ist. Und traurig berühmt wurde das Städtchen ohne Mitte dann nach der Wende durch einen GSG 9 Einsatz, bei dem eine RAF-Terroristin der 3. Generation festgenommen, ein Terrorist derselben Generation sowie ein deutlich jüngerer GSG-9 Beamter ums Leben kamen. Die unter Verschwörungstheoretikern hart diskutierten Umstände seien hier dahin gestellt – aber die Unterführung, in der das Drama seinen Ausgang nahm, die gibt es immer noch.

Diese Bad Kleinener Unterführung ist wohl “die Unterführung” schlechthin und zugleich ihre Paradoxie. Der Putz blättert im tief gelegenen, hohen Tunnel, der zu den zwei verbliebenen Gleisen führt, von denen Nahverkehrszüge nach Schwerin, Wismar und Lübeck abfahren. Der Durchgang zum schönen Bahnhofsgebäude, in dessen Billardcafé die Terroristen 1993 noch aufeinander warteten, ist längst vermauert und das Gebäude steht leer. Neben den Toiletten im Tunnel ist der einsame Fahrkartenautomat auf Gleis 2 der einzige Servicepunkt.

Gewissermaßen als Gegenleistung für die Trostlosigkeit des geschrumpften Bahnhofs hat die Gemeinde – sehr aufwändig – breite, doppelläufige Schienen neben den Treppenstufen anbringen lassen. Die Idee war offenbar, dass Fahrräder, Kinderwagen und Rollstühle leichter in die Tiefe gleiten können. Allein, dort unten angekommen müssen sie vor unbegreiflichen Zwischentreppen und den Treppen zu den Gleisen zu kapitulieren. Die ganze großzügige und aufwändige Konstruktion ist am Ende reines l’art pour l’art. Das Wegkommen aus Bad Kleinen ist und bleibt schwerer als woanders.

Dabei gibt es eine winzige, verborgene Fluchtmöglichkeit ins Offene aus dem Nest. Etwas westlich vom Bahnhof verläuft schräg durch den Hang der sog. Eiertunnel und führt unter den Geleisen durch ans grüne Seeufer. In nördlicher Richtung gelangt man an ein Seebad, über dem eine Seeterrasse mit wunderbarem Seeblick liegt, auf der riesige, eisgefüllte Windbeutel serviert werden – so begehrt, dass sie am späten Nachmittag schon ausverkauft sind.