This is a crazy city…

Sao Paulo und die Biennale von Sao Paulo

Ute Vorkoeper, August/September 2012/Januar 2013

Irgendwo an der Strecke vom Flughafen in die Stadt

… but I love it!” Jak fährt ihren Van gelassen durch Sao Paulos wahnsinnigen Verkehr und neckt dabei durch unvermitteltes Abbremsen oder Spurwechsel ihre Freundinnen Ana and Luzia, die in einem kleinen Peugeot folgen. Es stimmt. Sao Paulo ist eine verrückte Stadt aus Architektur, Verkehr und – Kunst. Alles ist permanent in Bewegung, selbst am Wochenende kreisen die Paulistas in Massen als Jogger, Skater und Radfahrer durch den Iberapuera Park….

Bildstrecke Sao Paulo

Die auf 1500 Quadratkilometern in die Höhe gewachsene Stadt ist eine reale, sich selbstähnliche Menge. Die einzelnen Nachbarschaften sind nicht leicht zu unterscheiden. Überall haben erst moderne, dann postmoderne Wohntürme die früheren, niedriggeschossigen Bebauungen verdrängt. Die alte Stadt ist weitgehend amputiert und nur noch zerstückelte Restbestände, mal eine gründerzeitliche Villa, mal fünf bunt gestrichene Reihenhäuser, stehen eingezwängt zwischen den Betonblöcken. Darin unterscheiden sich die Gebiete um Jardim Paulista und Moema nicht von Sé oder Liberdade. Einzig, dass es Richtung der legendären Avenida Paulista hügeliger wird und im Anschluss die Bebauung insgesamt etwas niedriger Richtung Villa Madalena.

Das Panorama Sao Paulos zeigt es deutlich: Hier herrscht die Architektur bzw. hier bestimmen Architekten und Bauherren im freien Wettbewerb mit Verkehrsplanern die Gestalt der Stadt. Sie geben vor, was Klaus Theweleit als das eigentliche Wahrnehmungsloch oder Geschichtsloch erkannt hat (Buch der Könige, S. 482): die Architektur und der Verkehr bestimmen das Körperprogramm der Paulistas.

Eine Vielzahl der Betongestalten sind – für uns an Traufhöhen und Bauverordnungen gewöhnte Deutsche – wild und bizarr. Wie gigantische Skulpturen auf Originalität bedacht, stehen Stelen, Museumsquader oder geschwungene Baumassen umeinander im Häusermeer. Niemeyers Copan-Gebäude ist natürlich ein architekturhistorisches Highlight, aber sicher nicht das spektakulärste Gebäude, was es zu finden gibt. Dafür eignet es sich besonders gut als Party Location der Kunstszene. An jeder Ecke eröffnen sich neue Perspektiven auf leicht marode Betonfassaden – und man läuft ständig mit der Kamera im Anschlag umher.

Es ist natürlich kein Zufall, dass Touristen in der Stadt nur vereinzelt anzutreffen sind. Das Herz der brasilianischen Wirtschaft wird fast ausschließlich von Geschäftsleuten besucht. Die kommen aus aller Welt, aber man sieht sie vor allem im Hotel, vor und zwischen ihren Meetings, oder wenn sie gerade ins Taxi steigen. Fußgänger ist man hier nur, wenn es unbedingt sein muss. Durch Sao Paulo lässt man sich nicht wirklich treiben, nun, höchstens mal durch Sé oder Liberdage. Doch selbst hier ist es laut und die Luft voller Abgase. Und wer als Radfahrer an Werktagen überleben will, muss sich mit überdimensionalen Hupen bemerkbar machen.

Der Verkehr ist der Stadt heilig. Ihm hat sie Brücken, Tunnel und zwölfspurige Straßen mit labyrinthischen Ab- und Zufahrten gewidmet – und mehrere Flughäfen mit extrem hohen Flugfrequenzen. Man könnte meinen, ein kindischer Demiurg spiele mit den Verkehrsflüssen, immer darauf aus, die Menschen in ihren Blechkisten auf neue Umwege zu schicken. Denn nirgendwohin gelangt man per Auto auf direktem Weg. Einbahnstraßen, hoch gestellte oder tiefer gelegte Highways, Abbiegeverbote und täglich wechselnde Sperrungen zwingen zu weiträumigen Rundfahrten. Dass der Verkehrsfluss fast immer stockt, ist unvermeidlich. Taxifahrer runden hier die Preise ab und schütteln mit dem Kopf, wenn man Trinkgeld geben möchte.

Da es in der gigantischen Stadt nur zwei Metrolinien, dafür aberhunderte Buslinien gibt, heißt das für fast alle Paulistas: stundenlanges tägliches Staustehen. Schneller kommt nur voran, wer sein Leben riskiert. Wie in anderen Megastädten rasen junge Männer, aber auch junge Frauen und Paare mit dem Motorcycle zwischen den sich voran schleppenden Autos, Bussen und LKW hindurch. Sie hupen unentwegt, aber die Lücken schließen sich dennoch oft unvermittelt. Täglich verunglücken ungefähr 10 Menschen, erklärt mir Waleria, die dennoch lieber hinter ihrem Mann auf dem Cycle 40 Minuten in die Stadt und 40 Minuten zurück fährt, als die sonst fälligen 1,5 Stunden pro Strecke. Da sie von 9 bis 19 Uhr arbeiten muss, würde sie im Normalfall ihren fünfjährigen Sohn nicht einmal morgens wecken und abends schnell zu Bett bringen können.

Arbeiten darf sie so lange für die Biennale von Sao Paulo, die zweitälteste Biennale der Welt, die im berühmten Oscar-Niemeyer-Gebäude am Rand des Iberapuera Parks alle zwei Jahre die amerikanische und europäische Kunstszene nach Sao Paulo holt. Nur so, gehalten von der spektakulären Architektur in einem weitläufigen Park (mit blühenden Bäumen und schwarzen Schwänen), kann die zeitgenössische Kunst überhaupt in Sao Paulo überleben. Im Stadtraum hat sich, wie bereits gesagt, die Architektur zur dominierenden Kunst erklärt. Wenn bildende Kunst dennoch im öffentlichen Raum vorkommt, dann meist umhegt von kleinen Parks. Und fast immer wirkt sie dort niedlich oder kitschig.

Das Biennale-Gebäude bietet Schutz gegen die sich überall rein- und vordrängende Stadt. Vielleicht hat Luis Perez-Oramas deshalb im letzten Jahr die Differenz zwischen Kunst und Architektur auf den Punkt gebracht: In einem klaren, Raum als Kubus definierenden Architekturprogramm wies die Biennale der Kunst klassische white cubes, d.h. möglichst neutrale Einzelräume zu. Außerdem zeigte er nur wenig Überbordendes. Stattdessen traf man auf nüchterne Installationen und sperrige Serien, die nur von vergangenen Unterwanderungen oder Überschreitungen menschlich geschaffener Verhaltensvorgaben und Raumprogramme zeugten.

Die Atmosphäre war kühl. Man musste die Kunst gewissermaßen auftauen und dabei den Kopf für überraschende bis verstörende Botschaften öffnen. So lichteten die wandfüllenden Fotoserien und Super-8-Filme von Tehching Hsieh allein die Oberfläche seiner exzessiven Ein-Jahr-Performances (1978 bis 1986) ab. Erst wenn man denkend zwischen die Bilder ging, wurden die physischen und psychischen Effekte der Restriktionen und Anordnungen, denen sich der Künstler selbst unterworfen hat, denk- und spürbar. Indem er sich ein Jahr in einen Käfig einsperrte, ein Jahr zu jeder Stunde fotografierte, sich ein Jahr nur außerhalb von Gebäuden aufhalten durfte, ein Jahr mit einem Seil an eine Künstlerkollegin gebunden war, hat er sich immer neuen, unerhörten Belastungen ausgesetzt. Das letzte Performancejahr – “No Art Piece” – dagegen wirkt wie eine etwas billige Bilanzierung der existentiellen Dimension von Kunst. Hsieh hat danach jedenfalls mit dem Kunstmachen aufgehört.

Glücklicherweise kann das Ringen um die existenzielle Bedeutung der Kunst und die Anwendung der Kunst zum Verstehen der Welt viele Facetten annehmen – die auf der Biennale z.B. durch Arbeiten von Bas Jan Ader oder Allan Kaprow oder Anna Oppermanns großes Ensemble “Anders sein” vertreten sind, das ich reinszenieren durfte. Oder durch das fotografische Gesamtwerk von August Sander, dessen hunderte Ablichtungen von Menschen in ihren Berufen vor allem deshalb berührten, weil sie eine Zeit zurück in die Gegenwart holten, in der man über den Beruf eine fixe Position im Weltgefüge innegehabt hat.

Zusammenfassend ließe sich sagen, dass der verbindende Zug dieser Biennale alle Formen des Zweifels am fertigen, endlichen Werk bis hin zur radikale Absage ans Werk waren. Das Gezeigte war entweder längst passiert, nur noch Spur oder Dokument oder selbst en passant, in Veränderung und Bewegung. In den Arbeiten wurde das “Eigentliche” – das besondere Ereignis oder der Moment der Wahrheit – konsequent und programmatisch verpasst. Poetisch und zugleich körperlich nachvollziehbar konnte man dieses Verpassen, diese grundsätzliche Nicht-Abpassbarkeit des Ereignisses schließlich in der Installation von Fernando Ortega erfahren. Sie lud am hintersten Ende der großen unteren Halle zu einem Aufstieg auf ein hohes Gerüst ein, um vor einer Postkarte hinter Plexiglas anzukommen, die Zuschauer nach einem Sprung von den berühmten Felsen in Acapulco zeigt. Sie blicken dem schon längst unsichtbaren Springer in einen ebenso unsichtbaren Abgrund nach.

Heute denke ich, dass mein gewisses Unbehagen in und nach Sao Paulo damit zu tun hat. Ich war in dieser Stadt von Anfang an nur Zuschauerin der Zuschauer von vergangenen Ereignissen, die zur schichtweisen Entstehung der Megapolis führten, die ich zwar jederzeit gern wieder besuchen, in der ich aber nicht leben möchte – egal wie verrückt sie auch sein mag.