Phoenix Dortmund

Ute Vorkoeper, 5.4.2012

Die Weingartenstraße in Hörde mit Blick auf die Baustelle Phoenix-See

Dortmund ist meine Geburtsstadt, eine etwas unansehnliche, aber nahe Verwandte mit schwerer Vergangenheit, die trotz ihrer chronischen Geldsorgen seit Jahren angestrengt an einem Imagewechsel arbeitet. Ich habe sie mir nicht ausgesucht und bin schon vor vielen Jahren fortgegangen. Aber man kommt ja nicht raus aus schwierigen Beziehungen…

Bildstrecke Phoenix Dortmund

Bevor der Vogel aus der Asche zur Losung für Dortmund Hörde werden konnte, bevor man die Hoffnung auf die von der EU (mit)finanzierten Projekte Phoenixsee und Phoenix West setzen konnte, haben die Stahlwerke Hoesch Phoenix Ost und West den Dortmunder Stadtteil über Jahrzehnte brutal zerteilt und systematisch ihren Interessen untergeordnet. Alles in Hörde war auf die beiden Teile des Stahlwerks hin gerichtet, die hinter hohen Mauern riesige Areale des Stadtraums besetzten. Selbst die alte Hörder Burg hatte sich die Hütte einverleibt. Als mein Vater, der in Hörde geboren wurde, noch in die Grundschulklassen der Weingartenschule ging, standen gegenüber von Phoenix Ost große Teile der Hörder Fachwerkaltstadt. Sie hatten den 2. Weltkrieg überstanden, aber dann fielen sie der Verkehrspolitik der Stadt zum Opfer. Damals war offenkundig nicht nur den Verantwortlichen die breite Zufahrtstraße zum Stahlwerk wichtiger. Niemand hat protestiert, man hat die Zerstörung als notwendig hingenommen. Heute ist so ein Funktionsdenken ziemlich unvorstellbar – zumindest würde es nicht mehr hingenommen. Und daran hat die Kunst ihren Anteil.

Die Weingartenschule liegt in der über das Ruhrgebiet hinaus berühmten Weingartenstraße, die mir als Kind absolut düster, unheimlich und unbewohnbar erschienen ist. Ich weiß nicht wie oft ich sie in Fernsehfilmen als Kulisse für das Ruhrgebiet an sich gesehen habe. Wir sind immer nur durchgefahren. Die grauen, schiefen Häuser standen dicht an die nördliche Mauer des Stahlwerks gedrängt, von dem man kaum mehr sah als unglaublich dicke Rohre (Gichtgasleitungen) und die Hörder Fackel, die stündlich ihre Flamme in den Himmel stieß. Das ganze Spektakel konnte ich dann vom Haus meiner Großeltern aus beobachten. Sie wohnten in einer Hüttensiedlung, die auf Initiative des Düsseldorfer Künstlerpaares Bernd und Hilla Becher in den 1970er Jahren vor dem Abriss bewahrt und als erste im Revier unter Denkmalschutz gestellt wurde. Dieser Sieg der Kunst und der Künstler hatte konkrete Auswirkungen für mich. Denn meine Familie zog nach dem Tod meines Großvaters in genau dieses Haus auf dem Berg und ich konnte nun täglich die Flamme am Himmel sehen. Bis ich fortzog.

Mein Vater hat den Abbruch der Hütte wie der Fackel 2004 ohne Wehmut begrüßt. Seitdem fahren wir jedes Mal, wenn ich in Dortmund bin, um das alte Werksgelände und mittlerweile eben um den dort entstandenen Phoenixsee. Es ist unglaublich, wie sehr sich der Stadtteil dadurch verändert hat. Plötzlich sieht man die Hügelketten im Süden, schaut Richtung Schwerte zum Ruhrtal bis hin zum Ardeygebirge. Die Ansicht hatte das Stahlwerk früher komplett verschluckt. Die Weingartenstraße lag so tief, dass man kaum den Himmel sah. Für heutige Besucher der Straße ist das kaum noch vorstellbar. Die Häuser stehen jetzt frei und locker gereiht vor der weiten, sanft hügeligen Landschaft und man glaubt sofort, dass links den Berg hoch, „Am Remberg“, vom Mittelalter an die Rebstöcke der Grafen von der Mark gestanden haben. Und ihre Burg sieht man jetzt auch am See  - nun zumindest so lange sie noch nicht wieder hinter den ebenfalls geplanten Ärztehäusern und Gastronomiegebäuden verschwunden sein wird. Ach Dortmund.

Fast interessanter als der See ist Phoenix West. Hier sind die Veränderungen deutlich weniger spektakulär und ich kenne dieses Gelände ebenfalls schon lange. Der Hartware MedienKunstVerein hatte nach Aufgabe des Stahlwerks die Phoenixhalle, eine große hohe Werkshalle, als Veranstaltungsort aufgebaut und über Jahre als Ausstellungshalle genutzt. 2006 habe ich hier zusammen mit Inke Arns die Ausstellung „Vom Verschwinden“ kuratiert – passend zum damals noch sichtbarer im Abbau befindlichen Werksareal.

Für diesen Teil des Stahlwerkgeländes hoffte die Stadt auf ein kleines Silicon Valley, aber die Wirklichkeit fällt bescheidener aus. Nur hier und da verstreut steht heute ein neues Gewerbegebäude. Dafür ist und bleibt der alte Hochofen umwerfend. Isoliert in diesem Fast-Nichts wirkt er wie ein still vor sich hin rostendes Kunstwerk. Ich kann kaum glauben, dass diese komplizierte, verschlungene und überladene Konstruktion tatsächlich einmal funktioniert haben soll.

Weiter hinten auf dem Gelände zeigt sich der Grundkonflikt des Strukturwandels im Extrem. Hier hat man die Schlackenhalden abgeflacht und darüber riesige Grünflächen geschaffen, die bis ins Emschertal hinunterführen. Es gab keine Nutzungsalternativen. Dadurch ist ein breiter Grüngürtel entstanden, der bis zum alten Rombergpark führt. Wenn man in der weiten neuen Landschaft steht wird einem schlagartig offenbar, dass die betriebsame, vollbeschäftigte, lärmende, staubige Enge und Himmellosigkeit der Hörder Industriezeit nur durch eine leere Weite mit unendlich viel Himmel ersetzt werden konnte. Mitten in der armen Stadt ist das so verschwenderisch schön wie verstörend.