Pourquoi pas Nice?

Nizza und die Villa Arson
Ute Vorkoeper, Mai 2012/Januar 2013

Blick über Nizza von der Villa Arson

Als ich das erste Mal im Februar letzten Jahres auf dem Flughafen von Nizza landete, ahnte ich sofort, dass ich im Paradies angekommen war. Wieviele Städte haben ihren Flughafen direkt am Strand vor einem azurblauen Meer? Und welche davon zieht sich über sanfte Steigungen hoch in den Himmel? Schneebedeckt standen darin die Spitzen der Alpes Maritimes, die im Mai später dann graugrün schimmerten. Doch es kam noch besser…

Denn in Nizza gibt es einen Ort, an dem die Quadratur des Kreises zu gelingen scheint. Wer in die Villa Arson eingeladen wird, tritt in ein modernes Paradies – oder ist es eher eine paradiesische Moderne? In dem uralten Garten auf Halbhöhenlage – die Olivenbäume stammen aus einem landwirtschaftlichen Betrieb des 18. Jahrhunderts – steht heute nicht nur die historische Villa, sondern seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts auch eine staatliche Kunsthochschule mit Kunsthalle. Die Architektur ist ein Traum aus Beton und Mittelmeerkieseln, aufgebaut aus vielfachen Variationen ihrer quadratischen Grundform. Über mehrere Terrassen in den Berg gesetzt ­– selbstverständlich immer mit Blick auf die Cote d’Azur – liegen die Ateliers, Seminarräume und die Bibliothek. Die Kuben bilden auch die Rahmen für die unglaubliche Gartenkunst der Villa, in der mediterrane Pflanzen in harmonischen, reduzierten Ensembles zusammengestellt sind. Und im Mai blüht alles auch in Nizza auf. Die Verwaltung des Ganzen schwebt darüber im Turm der alten Villa, während die weitläufigen Ausstellungsräume zur anderen Seite, und damit zum historischen Garten liegen. An ihn grenzen auch nach Norden die Studios, in denen die glücklichen Gäste wohnen.

Man kriegt das selige Lächeln kaum aus dem Gesicht. Alles ist modern (bis zur Inneneinrichtung der Studios, die jeweils einem Designer gewidmet sind) und man ist doch friedlich umgeben von Naturschönem. Wenn man zu allem Überfluss noch zum Dinner im Garten mit den Lehrenden und Studierenden der Kunsthochschule eingeladen wird, ist das Glück perfekt. Dabei erläutert mir der neue Direktor stolz, dass die Villa Arson in Frankreich als eine der besten Kunsthochschulen gilt. Die 300 Studenten kommen meist aus ganz Frankreich. Die Bewerberquote liegt jährlich bei ca. 400 und 40 werden angenommen. Also auf nach Nizza zum Kunststudium?

Als ich beim Schwärmen zu den französischen und schweizerischen Kolleg/innen meine, Nizza sei eine Stadt zum Leben und Arbeiten, schauen mich alle entsetzt an. Nizza sei die Langeweile selbst und kein Ort zum Leben, urteilt Florence, die es wirklich besser wissen muss, weil sie aus Marseille stammt und derzeit in Paris und Dallas lebt. Alle sind d’accord: Nach Nizza geht man – wenn überhaupt – erst als Pensionär.

Spätestens am zweiten Tag bemerkt man selbst, dass hier weder Nachtleben noch eine Art Kaffeehausszene, ganz zu schweigen von einer größeren Kunstszene zu finden sind. Und man versteht, warum die Kunsthochschule Arson in Frankreich berühmt, aber bei uns zum Beispiel wenig bekannt ist. Hier ist alles durch und durch französisch, akademisch bis l”art pour l’art. Auch der Lehrkörper ist fast rein französisch und zudem fast durchgängig männlich besetzt. Frauen leiten Werkstätten oder haben andere, weniger angesehene Stellen. Die Vormacht der Männlichkeit im Villen-Komplex ist immer spürbar – auch im Verhalten der Studierenden untereinander. Die Selbstverliebtheit und Homogenität werden noch dadurch bestätigt, dass die meisten Arson-Studenten und auch ihre Lehrenden nur passabel bis miserabel Englisch sprechen.

Später beim Dinner erfahre ich zudem, dass Nizza eine der rechts-konservativsten Städte Frankreichs ist. Eine Hochburg der Front Nationale, in der selbst französische Zuwanderer aus dem Norden kaum heimisch werden können. Man werde einfach nicht akzeptiert. Das entspricht zwar nicht meinen oberflächlichen Beobachtungen, aber wird sicher stimmen. Das Stadtbild selbst ist nämlich vielfältig und lebendig, da so viele Menschen aus allen Ländern rund ums Mittelmeer in dieser Stadt leben. Und die nagelneue Straßenbahn kostet nur einen einzigen Euro, egal wohin man fährt! Dazu verströmen die Altstadt und die Promenade am steinigen Strand den morbiden Charme von vergangenem Luxus. Während sie an die Glanzzeiten der Stadt erinnert, werden hügelan neben den alten Villen dafür immer mehr profane, einfallslose Appartementblocks Richtung Meer gebaut.

Was bleibt im Rückblick vom Paradies? Ein befreundeter Künstler, den ich im Garten der Villa traf und der genauso verzückt war wie ich, resümierte als Wunschlösung, dass ihn die Villa einfach einmal jährlich für einen Monat zum Arbeiten einladen solle. Damit wäre ich auch sehr einverstanden! Ich komme gern wieder und halte mir dafür immer den Mai frei. Denn das scheint mir der beste Reisemonat für diese Stadt zu sein, die im Sommer in glühender Hitze vergeht.