Spektrale Begegnungen

2. Reflexionen und Analysen
2.3 Künstlervorträge im Dortmunder U: Unerwartete Verbindungen und Begegnungspunkte in translokalen und spektralen Räumen

Meinstein, Animation: Nadia und Timo Kaabi-Linke

Meinstein, Nadia und Timo Kaabi-Linke (Berlin)
„Meinstein“ (Berlin Neukölln, seit 2009, Realisationsphase 2011-2013) ist der Titel einer künstlerischen Platzgestaltung in Berlin Neukölln, die unter Beteiligung von Bewohnern auf der Basis ihrer Aussagen und Erinnerungen mit Hilfe eines Computerprogramms entsteht und so subjektive Ansichten und Objektivierungsprozesse, Partizipation, Statistik und Programmatik verschränkt: Freiwillige Teilnehmer/innen geben auf verschiedenen Fragebögen Informationen über ihre Beziehung zum Stadtteil und ihre Herkunft. Nach diesen Angaben wird die Verteilung von Pflastersteinen verschiedener Farbe und Form, die aus den fünf Kontinenten der Welt stammen, durch ein eigens entwickeltes Computerprogramm berechnet. Die Mengen der jeweiligenPflastersteine und Proportionen ergeben sich dadurch, dass sich jede/r Teilnehmer/in bei der Abgabe seiner/ihrer Daten für einen Pflasterstein entschieden hat, der seine/ihre Herkunft oder Identität spiegeln soll.

Eigene persönliche Leistungen der Beteiligten sind im Projektergebnis nicht mehr erkennbar. Dennoch ist ihre Beteiligung als Spur auf dem Platz sichtbar (markierte Steine und der Einfluss auf die Verteilung der Steine). Hier verläuft das Projekt gedanklich analog zu einer demokratischen Wahl. Es ging allerdings nie um die Repräsentation aller Neuköllner, sondern um eine eher zufällige Momentaufnahme. Auch die Verallgemeinerung der Gestaltung, bzw. der Prozess der Übertragung der individuellen Daten in eine allgemeine Form, umfasst verschiedene künstlerische Setzungen, Entscheidungen und einige Unberechenbarkeiten: Der künstlerische Prozess beginnt mit der Auseinandersetzung mit dem Ort, der Planung und Konzeption der Fragen für die Bewohner, dann folgt die Gestaltung der Fragebögen, die Auswahl oder das Auffinden von Menschen, die sich beteiligen wollen, der zeitliche Zufall der jeweiligen Datenerhebungen, die Entwicklung eines einzigartigen, nicht auf andere Orte übertragbaren Programms, das schließlich mit den Daten in der Reihenfolge ihrer zufälligen Erhebung gefüttert wird und daraus die Anordnung der Steine auf dem Platz entwirft.

Meinstein, Plan: Nadia und Timo Kaabi-Linke

Bei einer Neuauflage des Projektes würde mit hoher Wahrscheinlichkeit eine anders gestaltete Karte entstehen, denn natürlich ist – entgegen der landläufigen Vorstellungen von Statistik – jede Datenerhebung und Auswertung eine Interpretation, die Einfluss auf das entstehende Bild nimmt. Das in Neukölln bis 2013 realisierte Pflastermuster ist das Ergebnis einer ganzen Kette momenthafter Begegnungen und daran anschließender Entscheidungen und Interpretationen. Sie ist einmalig und zugleich allgemein.

BlackBenz.Race, knowbotiq – Yvonne Wilhelm, Christian Huebler (Zürich)

BlackBenzRace, Fotografie: knowbotiq

BlackBenz.Races sind semi-fiktionale Autorallyes quer durch Europa mit dem Ziel, die verborgenen Netzwerke und Kulturen sichtbar zu machen, die in migrantischen Gemeinschaften entstehen und die zugleich lokal verbinden, aber immer auch translokal in die Herkunftsländer gerichtet sind. Christian Huebler begann seinen Vortrag mit einer Definition des Begriffs translokaler Raum: Er ist temporär, d.h. er besteht immer so lange, wie man ihn braucht. Translokale Räume sind gewissermaßen durch einen medialen Korridor eng verbunden, liegen aber real womöglich sehr weit auseinander. Sie können stabilisierend oder subversiv wirken. Sie stellen keine physische, sondern eine kommunikative Nähe her und generieren Öffentlichkeit. Solche translokalen Korridore führen blind über die dazwischen liegenden Gebiete hinweg, ohne sie zu berühren. Der Korridor steht gegen die mediale Spektralität, da Umwege und das Dazwischen ausgeblendet sind.

Die erste Auflage von BlackBenz.Race sollte gerade das Dazwischen mit beleuchten und die beteiligten, in der Schweiz Asyl suchenden Kosovaren bei einer Ralley in den Kosovo zu Spektren werden lassen, die „dazwischen“ stehen und sich nicht ausblenden lassen, über die man nicht verfügen kann, die aber selbst auch nicht über sich und andere verfügen können. Sie waren bereit mitzumachen, bis zu dem Punkt, an dem die offizielle Unterstützung durch die Stadt Zürich zurückgezogen wurde, d.h. die öffentliche Anerkennung ausblieb.

Das Scheitern / die offenen Enden des Projekts bildeten dann den Nährboden für neue, angeschlossene und offene Projekte. Mediale Repräsentationen (z.B. YouTube) lassen es zu, Projekte abzugeben, weiterzugeben, aus der Hand zugeben und über die Autorschaft des einzelnen Künstlers hinauszugehen. Der Künstler setzt sich einer Situation oder Konstellation aus, geht aus den tradierten Kontexten heraus, um sich auf die Welt / Gesellschaft einzulassen und dazwischen zu sein, dazwischen zu handeln.

Small World Wide, Denise Ritter (Witten, Medienkunst-Stipendiatin NRW 2012)

Denise Ritter präsentiert ihr Projekt, Fotografie: Hartware MedienKunstVerein

Denise Ritter richtet Klanginstallationen ein und komponiert elektroakustische Musik. Ihr Ausgangsmaterial sind selbst eingefangene Geräusche und Klänge. Für ihr Projekt „Small World Wide“, das sie im Rahmen des Medienkunst-Stipendiums NRW 2012 realisiert, wird sie zum ersten Mal die Aufnahme ihres akustischen Materials anderen überantworten. Ausgehend von der These, dass jeder Mensch auf der Welt jeden anderen „über 6 Ecken“ kennt, wird sie 10 Aufnahmegeräte an 10 ausgesuchte Personen weitergeben, um über insgesamt 6 Stationen hinweg 10 vorab fest gelegte Orte zu erreichen, die für die Person Denise Ritter aus unterschiedlichen Gründen unerreichbar sind. Die Illusion der mühelosen Überwindung von Distanzen mithilfe medialer Zugänge und global vernetzter Freundeskreise wird einer praktischen Prüfung unterzogen. Wenn die These von den 6 Ecken stimmt, dann sollte es kein Problem sein, ein Aufnahmegerät zum Beispiel auf die Internationale Raumstation ISS zu schicken. Denise Ritter konstruiert ein Experiment mit ungewissem Ausgang. 10 Geräte werden vertrauensvoll weitergegeben, um auf unvorhersehbaren Routen unbekannte Geräusche einzufangen. Ob sie an ihren Ausgangspunkt zurückfinden, kann man heute nicht vorhersagen. Das wird sich vielleicht erst in einigen Jahren erweisen.