Kein Kreisverkehr für Ottersberg

Andrea Knobloch, 28.03.-29.03.2012
Bildstrecke Ottersberg

Hinterm Baum an der "Großen Straße": Fachhochschule Ottersberg

Der Neubau der Fachhochschule Ottersberg liegt an der „Großen Straße“ Richtung Bremen. Hier sind Vortrags- und Speisesaal, Ateliers und Büros untergebracht. Die Verwaltung, eine Caféteria und weitere Studios finden sich im zu klein gewordenen Altbau auf der anderen Straßenseite hinter der Einfamilienhaussiedlung. Die Studierenden wandern täglich mehrfach zwischen Alt- und Neubau hin und her, an den Häuserreihen entlang und vorbei an geschlossenen Kunststoffjalousien und imposanten Heckenarchitekturen.

Vortrag und Seminar sind gut verlaufen. Am Abend noch mit Prof. Michael Dörner – der mich hierher eingeladen hat – und seinen Studierenden der Masterklasse „Kunst und Theater im Sozialen“ Trimesterabschluss gefeiert: Spaghetti mit veganer Tomatensoße, Salat, Schokocreme auf Sojabasis und Rotwein aus Kompottschüsseln gab es, Chips auch und später einen Dokumentarfilm über eine Pferdeprozession in Oberschwaben.

Der nächste Morgen beginnt dunkel. Gleich geht es zum Bahnhof und dann weiter nach Hamburg. Der Frühstücksraum der Pension Haus Biederstaedt erinnert sich noch an Zeiten, in denen er ein Wohnzimmer war und wirkt ein wenig ungelenk, so voll gestellt mit runden Echtholztischen und Bauernstuhl-Imitaten. Der junge Mann hinter der Durchreiche zur Teeküche hat mich gestern als Nachtportier begrüßt. Nun reicht er mir gutgelaunt ein perfekt gekochtes 3-Minuten Ei und schüttet duftenden Kaffee in meine Tasse…

Still ist es hier, man schläft ungestört. Nur wenn die flüggen Käuzchenjungen im Frühling auf dem Rasen vorm Haus hocken und quietschend wie eine schlecht geölte Kellertür die ganze Nacht nach den Eltern rufen, da kommt man nicht zur Ruhe – Wümme-Niederung halt, da ist die Natur noch präsent! Trotzdem sind nicht genug Touristen da und es gibt kaum Gewerbe. Der dafür ausgewiesene Park will sich nicht füllen. Deswegen sind die 12055 Bürger/innen der Gemeinde aufgerufen, Sparvorschläge zu beschließen. Ein Kreisverkehr sei nicht für kleines Geld zu haben und momentan schwer zu finanzieren aus den mageren Steuereinnahmen. Man muss verzichten und weiter zugucken, wie die Nord LB das Geld verbrennt. Der Herr am Nebentisch schweigt dazu und schwenkt knisternd die mitgebrachte Süddeutsche über seinem Frühstücksteller, auf dem sich leergegessene Butter- und Marmeladen-Portionsverpackungen stapeln.

Den Großen werfen sie es hinterher und die Kleinen bekommen keine Kredite mehr. Nicht mal als Hotelier mit besten Sicherheiten. Mein Gastgeber wechselt unvermittelt das Thema und kommt auf die Naturschönheiten des Teufelsmoors zu sprechen. Worpswede ist nicht weit und Otto Modersohn hat sogar in Fischerhude gewohnt, das seit 1972 zur Einheitsgemeinde Flecken Ottersberg gehört. Im historischen Bahnhofsgebäude des Ortes, an der immer noch befahrenen Strecke Wanne-Eickel – Hamburg, gibt es jetzt einen Kulturverein und der 1999 verstorbene evangelische Militärbischof Hermann Kunst ist in Ottersberg gebürtig. Ein gehöriges Konvolut an kulturellen Gegebenheiten für ein Straßendorf, das sich über Kilometer hinzieht und dessen Ortskern sich aus der Gemeindeverwaltung, der Kreissparkasse, dem evangelischen Pfarramt, einem Bio-Supermarkt und der Polizeistation zusammenwürfelt.

Die Fahrt im Taxi zum Bahnhof führt über die „Große Straße“, kreuzt die drei Wümme-Arme und durchquert eine Wiesenlandschaft, der der Winter noch anzusehen ist. Alles scheint ein wenig staubig und gedrückt, aber der hohe Goldockerton des letztjährigen Grases, der Binsenbüschel und der kahlen Weidenäste bietet dem jetzt strahlenden Himmelsblau dieses Vormittags einen klingenden Kontrapunkt, der andere Sehnsüchte hervorlockt, als die nach einem Kreisverkehr.