Großstadt Mönchengladbach

Ute Vorkoeper, 10.4.-13.4.2012

Kapuzinerplatz in Mönchengladbach an einem Mittwoch Mittag

International gelten Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern als Großstädte. Auch wenn in Deutschland eine Stadt mit weniger als 300.000 Einwohnern als „kleinere Großstadt“ bezeichnet wird, tragen doch aktuell 80 Städte im Bundesgebiet das Attribut „groß“. Auch Mönchengladbach zählt dazu, seitdem 1921 die Einwohnerzahl durch Eingemeindungen erstmals auf über 100.000 kletterte. Heute leben ca. 250.000 Menschen in der niederrheinischen Stadt. ….

Bildstrecke Großstadt Mönchengladbach

Wer in eine Großstadt zieht, sucht urbane Qualitäten und nimmt die Schattenseiten des Städtischen dafür in Kauf. Die große Stadt verspricht Auskommen durch einträgliche Arbeit, ein weites Angebot an Freizeit- und Kulturaktivitäten, unterschiedliche Bildungseinrichtungen, die Möglichkeit, einen großen Freundeskreis zu gewinnen, und dazu reges Leben auf Straßen und Plätzen. Dafür akzeptieren die Städter gern Verkehrslärm, Hektik und Anonymität – oder genießen sie sogar.

Diese deutlichen Unterschiede zum Leben auf dem Land oder in der Kleinstadt sind in Mönchengladbach jedoch mehrfach verwischt. Der nach dem Niedergang der Textilindustrie eingeleitete Strukturwandel konnte nicht verhindern, dass die Arbeitslosigkeit in der Stadt heute um 4,4 % über dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt. Auch wenn diejenigen, die noch in der Industrie Arbeit haben, etwas über dem Bundesmittelwert verdienen, spürt man die relative Armut der Stadt vor allem in der Einkaufszone. Die zieht sich zudem unglücklich lang, breit, busbefahren und wenig belebt vom Bahnhof den Abteiberg hoch bis zum Alten Markt, der seine Geschichte fast nur noch im Namen vermittelt. Beim Anstieg trifft man auf das in den 1950er Jahren nach Entwürfen von Paul Stohrer gebaute Schauspielhaus. Das schlichte und schön gegliederte Gebäude steht seit Jahren leer und wird in Kürze für eine der ewiggleichen Shoppingmalls abgerissen. Ein bedauerlicher Stadtentwicklungsirrtum.

Die relative Menschenleere der Orte, durch die ich komme und an denen ich mich über vier Tage in der Stadt aufhalte, ist gewissermaßen umfassend. Von den wenigen Menschen, die über den Alten Markt laufen, kommt fast niemand bei dem lauen Aprilwetter in den Skulpturengarten des Städtischen Museums Abteiberg, um dort die Ruhe des prächtigen Münsters St. Vitus, umgeben von zeitgenössischen Skulpturen zu genießen. Überhaupt niemand setzt sich in die Lounge vor das Panoramafenster im – schon lange nicht mehr bewirtschafteten – Museumscafé, um den unvergleichlichen Bildblick auf das Münster zu erleben. Und beinahe niemand besucht die wunderbare Sammlung und die gelungene Ausstellung von Monica Bonvicini im Museum (Das wird hoffentlich anders, wenn ab dem 6.5.12 Anna Oppermanns großes documenta-Ensemble „Künstler sein“ öffentlich zugänglich wird – die Installation war Grund meines Mönchengladbachaufenthalts). Nun, wie können wir von zeitgenössischer Kunst erwarten, dass sie zieht, wenn selbst der Rummelplatz unterhalb des stillen Abteibergs keine Menschenseele lockt? Leere herrscht auch hier.

Münster St. Vitus und Skulpturengarten des Museums Abteiberg Mönchengladbach

Richtig groß, wenngleich nicht betriebsamer, ist in Mönchengladbach allein der Busbahnhof vor dem Hauptbahnhof. Mir erscheint das spontan symptomatisch. Mönchengladbach ist offenbar keine Stadt, die einzieht und sammelt, sondern eine, die ihre Menschen verstreut und aussendet. Genau das bestätigt mir anschließend auch eine Wahl-Mönchengladbacherin: „Die geografische Lage ist extrem gut. Von hier kommt man per Bahn und Bus überall schnell hin. Und der Flughafen Düsseldorf liegt um die Ecke.“ Ach so. Dann sind gerade vielleicht alle einfach weg. Es sind ja Osterferien in NRW.

Doch selbst wenn ich mir vorstelle, das sie in Scharen wiederkommen, bleibt für mich die Stille mitten in der Stadt das Alleinstellungsmerkmal Mönchengladbachs. Die beiden Attraktionen, das Museum und Münster, bilden ihr stilles Herz. Beide sind Orte des Rückzugs und der Besinnung. Das verführt zu einer mystischen Deutung: Ist es die Macht des alten Berges, die nur Besinnung erlaubt, so dass sich die Geschichte wiederholen muss und nur verwandte Bauwerke wie Museum und Münster die Abtei und das Kloster ablösen durften, die auf dieser Anhöhe seit 974 n. Chr. erbaut wurden. In jedem Fall macht der Abteiberg Mönchengladbach noch heute zur besonderen, stillen, selbstbezogenen, kleinen Großstadt. Diese erstaunliche Qualität sollte man ausbauen, statt mit Allerweltseinkaufspassagen um ein paar mehr Konsumenten zu buhlen.

Der Weg zur Kunst als Kunst: Hinweisschild Nähe des Städtischen Museums Abteiberg