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Kunst in der Stadt

IBA LABOR in Hamburg Wilhelmsburg, 11.11. – 12.11.2011

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Vortrag
Spielraum für Unvorhergesehenes
Ute Vorkoeper (Akademie einer anderen Stadt, Hamburg)

FREITAG, 11.11.2011, 11:30 Uhr
Haus der Jugend Kirchdorf

Geelke Gaycken / Sonja Vordermaier, "Karat Spill", 2010, schwimmende Skulptur, courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Geelke Gaycken / Sonja Vordermaier

Die für Kunst außerhalb von Kunstinstitutionen verschwenderisch gebrauchten Begriffe Intervention, Partizipation, Subversion und Strategie müssen diskutiert werden. Wer hofft, mit ihnen dem l’art pour l’art der Kunstwelt zu entkommen, endet nur im selben alten Kunstsystem. Denn alle vier Begriffe behaupten die Kunst als ein Außen, von dem aus in die Gesellschaft hinein gearbeitet wird – mal, um sie zu schockieren, mal um sie zu verbessern. Hier wird Kunst gemäß der bürgerlichen Setzung als autonome Hervorbringung gedacht, die jede kontaminierende Kooperation mit den Instanzen der Welt verweigert. Am Ende bleiben die interventionistischen und partizipativen Bemühungen – trotz Strategie und subversivem Wollen – selbst l’art pour l’art, diskutiert allein im Kunstbetrieb, aber mäßig relevant für die Welt.

Die Opposition von Kunst = gut versus Welt = schlecht geht an allen Wirklichkeiten vorbei. Der puristische bürgerliche Kunstbegriff erweist sich auch als unbrauchbar angesichts der beweglichen Beziehungen und Grenzverläufe zwischen den heterogenen kulturellen, sozialen, ökonomischen und politischen Feldern, in denen wir leben, denken und arbeiten. Kunst, die in eine Stadt und eine Gesellschaft hinein wirkt, ist weder Ergebnis einer strategischen Aktion noch autonome Schöpfung, sondern immer etwas Drittes: Unerwartet, d.h. für alle Beteiligten anders als erwartet, entfaltet sich ein künstlerischer Handlungs- und Erfahrungsraum in der Welt, der etwas zuvor Unbekanntes eröffnet. Künstler/-innen, die bewegen, lassen sich von der Welt bewegen. Ihre Arbeit ist kein Eingriff, sondern ein forschender und ergebnisoffener Prozess, der mit einer besonderen, nicht alltäglichen Aufmerksamkeit wie Intensität quer durch das Bestehende verfolgt wird.

Andere Begriffe erscheinen angezeigt, um einfache Antagonismen zu umgehen und die gelebten Verstrickungen, Gemeinsamkeiten und Konflikte differenziert und komplex denken zu können, vor allem, um die künstlerischen Prozesse zu umschreiben, die angehen und beschäftigen. Treffender als mit Intervention und Partizipation sind sie mit Involviertheit und Engagement/Provokationen von Engagement zu besprechen. Statt die Aktion oder den Aktivismus von Kunst herauszustellen, sind die komplexen Handlungsprozesse, sind die passiven Anteile der Kunst und die Auswirkungen des Handelns anderer genauer zu verfolgen. Statt Subversionen zu suchen, lassen sich eher Anwendungen des Bestehenden und Wendungen an die anderen finden. Und schließlich: Spannender als sich weiter an die Zweckfreiheit und Autonomie der Kunst zu klammern, erscheint es, sich auf unkalkulierbare Prozesse einzulassen, die offen sind für Unvorhergesehenes – eben auch für eine andere Kunst.

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Ute Vorkoeper lebt und arbeitet in Hamburg, künstlerische Leiterin der Akademie einer anderen Stadt – Kunstplattform der IBA Hamburg von 2009 bis 2011, die sie zusammen mit Andrea Knobloch entwickelt und 2009 gegründet hat

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Kunst einer anderen Stadt

Textauszug
Ute Vorkoeper: Unerwartete Spielraume. Über eine zukommende Freiheit der Kunst
In: Kunst einer anderen Stadt. Ute Vorkoeper, Andrea Knobloch (Hg.). Berlin: Jovis, 2011
S. 24-41, zit. S. 35, S. 36, S. 37

“Will man nun gerade und zuvorderst die Gewalt gegen die Anderen ausschließen, dann lässt sich Freiheit radikal nur als Freiheit der Anderen denken.19 Sie ist weder Gegebenheit noch Zielvorgabe, sondern eine Gabe, ein unerwartetes Geschenk, das von den anderen zu mir zurückkommt.”

“Künstler/-innen besitzen keine Freiheit, sondern erfahren ihre künstlerische Freiheit bzw. Unfreiheit erst in der Antwort der Anderen auf ihre ästhetische, gestalterische Arbeit. Nur wenn die Arbeit eines Künstlers/einer Künstlerin Andere so aufsucht und trifft, dass sie antworten, wird für beide Seiten eine Freiheitserfahrung möglich. Genau hier wird das künstlerische Tun unabhängig von Autonomiesetzung und Kunstbetrieb.”

“Nur wenn der Erwartungshorizont des Künstlers, der Künstlerin in einem Werkprozess zerreißt, wenn er/sie sich irritiert und In-Frage wiederfindet, wenn sein/ihr Vorwissen und Plan in der Mitteilung implodieren, nur dann kann überhaupt etwas Berührendes, etwas die Anderen Angehendes in die Welt treten. Nur wer sich – leidenschaftlich und passiv – dem/den Anderen aussetzt, es/sie in den künstlerischen Prozess eintreten lässt, hat überhaupt die Chance, etwas zu schaffen, das man später mit ihm/ihr teilt und dessen Resonanz Freiheit schenkt.”

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Art of Another City

Excerpt from the book
Ute Vorkoeper: Unexpected Scope. About an Upcoming Freedom of Art
in: Art of Another City. Ute Vorkoeper / Andrea Knobloch (eds.). Berlin: Jovis, 2011,
pp. 24-41, cit. p. 35, p. 36, p. 37

“If one wants first and foremost to exclude violence against others, then freedom can only be thought of radically as the freedom of others.19 Freedom is neither a given nor an objective, but an offering, an unexpected gift, that comes back to one from the others.”

“Artists do not have freedom in themselves, but experience their cultural freedom or lack of freedom only through how others respond to their aesthetic, creative work. It is only when the artist’s work seeks others and prompts them to respond that the experience of freedom is possible for both parties. It is at this point that artistic activity releases itself from autonomy and the art scene.”

“It is only when the artists’ horizon of expectations is torn apart during the work process, when they become irritated and questioning, when their preconceptions and plans implode upon presentation, that something moving can come into being that engages others.21 Only those who – passionately and passively – engage with others and include them in the artistic process have a chance of creating something that can later be shared with others and that gains freedom through its resonance.”