Fliehkraft

Video und Installation von Moira Zoitl

Souterrain, Wilhelmsburger Straße 90, 20539 Hamburg, Position (5)
Diashow auf Vimeo

Moira Zoitl, "Fliehkraft", 2010, Filmstill, courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Moira Zoitl

Die ersten „Gastarbeiter“, die in den 1950er Jahren nach Deutschland kamen, trugen bei der Ankunft meist ihren besten Anzug. Wagemut, Risikofreude und Unsicherheit war ihnen gleichermaßen ins Gesicht geschrieben, wenn Freunde aus der alten Heimat sie fotografierten. Die Wahl der angemessenen Kleidung für die weite Reise ist der Ausgangspunkt von Moira Zoitls Film „Fliehkraft“, der in einer Veddeler Souterrain-Wohnung gezeigt wird. Denn es wurde nicht zufällig der beste Anzug für die weite Reise gewählt. Migration ist ein ernstes Vorhaben, das von ambivalenten Gefühlen begleitet wird: Trauer um die verlassene Heimat, Sorgen über die unsichere Zukunft, bange Erwartungen, aber auch Neugier und Abenteuerlust.

Ahmad Anwari und Yosufi Nagip, zwei Schneider, die aus Kabul nach Deutschland emigriert sind und im Änderungsbetrieb Aksoy im Levantehaus arbeiten, haben für Moira Zoitl einen Anzug genäht. Alle Umstände der Anfertigung dieses Anzugs spiegeln den Vorgang der Auswanderung, über die Herr Anwari berichtet. Zurückhaltend begleitet die Kamera die Herstellung vom ersten Moment des Maßnehmens bis zur letzten Anprobe. Das Schneidern des Anzugs erscheint als Analogie zum Reisen: Das Vermessen des Körpers spiegelt das Durchmessen der Distanz zwischen Heimat und Reiseziel. Das Zuschneiden des Stoffes steht für den Aufbruch, und das stückweise Vernähen und Verbinden der Teile weist auf die Annäherung ans Reiseziel. Die manchmal mühsame Gewöhnung an die neue Umgebung mag sich anfühlen wie das erste Tragen eines noch fremden Kleidungsstücks: Man erkennt sich darin  noch nicht wieder und kann die Wirkung auf andere nur schwer einschätzen.

Moira Zoitl schafft mit ihrem Film eine performative Analogie für den persönlichen Wandlungsprozess desjenigen, der seine Heimat für eine ungewisse Fremde hinter sich lässt. Ihr Film „Fliehkraft“ verknüpft außerdem Gegenwart und Vergangenheit der Elbinseln Veddel und Wilhelmsburg. Denn von 1850 bis 1939 war die Veddel für Millionen Menschen die letzte Station in Deutschland vor ihrer Auswanderung in die USA. Heute wiederum ist die Veddel oft die erste Anlaufstation in Hamburg für Zuwanderer aus aller Welt.

Moira Zoitl, geboren 1968 in Salzburg, lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien, und an der Hochschule der Künste, Berlin. Zu ihren Arbeitsweisen zählen Lecture Performances, Rauminstallationen und Videoscreenings. Wiederkehrende Themen in ihren Arbeiten sind individuelle und gesellschaftliche Migrationsprozesse und Gender-Fragen. Im Frühjahr 2010 war sie als Artist in Residence ins chinesische Beijing, im Frühjahr 2009 über das österreichische bm:ukk (Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur) nach London eingeladen. Zuletzt waren Arbeiten von ihr in den Ausstellungen „The Third Guangzhou Triennial“, Guangdong Museum of Art, China; „I myself am war!“, Open Space, Wien, AT; „Show down” im Projektraum exex, St. Gallen, CH; „Moira Zoitl – exchange square“, Kunsthalle Exnergasse, Wien, AT; „As in real life“ P74 Gallery, Ljubljana, SLO, zu sehen. Darüber hinaus arbeitete sie als Kuratorin zu Selbst- und Fremdbildern von Künstler/innen, „Sexy Mythos“, und befasste sich mit Kunsträumen in Europa und China. 2008 erschien im Jovis Verlag das von Moira Zoitl herausgegebene Buch „Exchange square. Aktivismus und Alltag ausländischer Hausarbeiterinnen in Hongkong“.