Karat Spill

Schwimmende Skulptur von Geelke Gaycken und Sonja Vordermaier

Müggenburger Zollhafen, Autobahnbrücke, 21107 Hamburg, Position (2)
Diashow auf Vimeo

Geelke Gaycken / Sonja Vordermaier, "Karat Spill", 2010, schwimmende Skulptur, courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Geelke Gaycken / Sonja Vordermaier

Ein ca. 15 qm großes Feld aus unterschiedlich großen, spiegelnden Discokugeln treibt auf dem Wasser des Müggenburger Zollhafens. Tidenhub und Strömung bringen das glitzernde Gebilde dazu, sich auf unberechenbare Art zu bewegen und Tausende von kleinen Lichtreflexen ins Umfeld zu projizieren.

Die Heimat der Discokugel ist die Disco, der dunkle Innenraum, den ein heller Spot und die Glitzerkugel für das nächtliche Party-Volk zum Funkeln bringen. Ihre Lichtreflexe bilden einen künstlichen, in sich bewegten Mikrokosmos, der über Wände, Mobiliar und tanzende Menschen hinweg fliegt. Sein Glamour ist flüchtige Reflexion und Illusion, die großzügig und gleichmäßig über alle und alles verteilt wird.

Im Müggenburger Zollhafen verstreut sich der glamouröse Mikrokosmos aus Licht über ein nüchternes Hafenbecken. Die unzähligen Spiegelflächen vieler Kugeln fangen nicht nur Licht und reflektieren es in den Außenraum, sondern in vielen von ihnen erscheinen auch klein gebrochene Versatzstücke der Umgebung: Wasser, Autobahnbrücke, Industriearchitektur, Uferbewuchs, passierende Boote und Schiffe. Durch die unendlichen Spiegelungen und Lichtreflexe auf seiner Oberfläche bricht und verschmilzt das glitzernde Feld zu gleichen Teilen mit seiner Umgebung aus Wasser, Himmel und Hafen.

Für den beiläufigen Betrachter, der die Hafenstelle zuvor schon einmal passiert hat, wird „Karat Spill“ zu einem nicht identifizierbaren, irritierend schönen, aber auch rätselhaften Objekt. Besonders aus der Ferne lässt sich das verheißungsvoll glitzernde Objekt nicht enträtseln und die Irritation über Objekt und Umgebung hält an. Ist es das Wasser selbst, das hier besonders von einer Windböe zum Glitzern gebracht wurde? Oder ein Bildfehler, wie das Flirren von Pixeln in niedrig aufgelösten Filmen im Internet? Sieht man eine Verschmutzungsform, eine Umweltkatastrophe unbekannter Art – oder handelt es sich um eine losgerissene, von Bord gegangene Ladung aus einem der Containerschiffe?

Die Gegensätze könnten nicht größer sein: Die Discokugeln, Synonym für Glamour, Popkultur und nächtlichen Übermut, treiben in einem Hafenbecken vor der Brücke der Autobahn 1. „Karat Spill“ wurde für „Aussicht auf Veränderungen” als eine besondere Art der Beleuchtung und Belichtung eines Stadtraums entworfen, der bis vor kurzem unbeachtet blieb. Hier im Müggenburger Zollhafen, unweit des schwimmenden IBA-Docks, deutet die schwimmende Skulptur die Ambivalenz des Austauschs und des Zusammenwachsens beider Elbseiten Hamburgs an. Das Anliegen ist ähnlich wie die Manipulation der Landschaft durch das Glitzerfeld unklar und widersprüchlich. Das Licht der Kugeln, der vervielfachte Glanz, bleibt fremd an diesem Ort, an dieser Schnittstelle der Diskussion über Verschönerung und Zerstörung und Verdrängung. Das Glitzerfeld wird anstößig, eine Art Öllache, die allerdings vielfach anregende bis hypnotisierende Nebenwirkungen hat – schaut man dem schönen Spiel der Reflexionen nur lange genug zu.

Geelke Gaycken und Sonja Vordermaier arbeiten seit 2006 immer wieder in gemeinsamen Projekten zusammen, zuletzt 2008 im Harburger Kunstverein für die Ausstellung „Reihe:  Ordnung sagt ‚Macht‘“.

Geelke Gaycken, in Hamburg geboren, arbeitet als freie Künstlerin und als Bühnenbildnerin. Sie studierte an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und erhielt 2003 den Villa Romana Preis, 2004 ein DAAD Stipendium nach Brasilien und China, 2007 das Hamburger Arbeitsstipendium für Bildende Kunst. Projekte im öffentlichen Raum realisierte Geelke Gaycken in Hamburg 2005 in der HafenCity für „OverGlobe Property“ im Baltic Raw Tower; 2008 im Kunsthaus Hamburg. Weitere Ausstellungen bzw. Rauminszenierungen waren u.a. in Hamburg, Berlin, Bremen, Düsseldorf, Karlsruhe und Oldenburg sowie in Florenz, London, Boston, Shenzhen, Tokyo und der Schweiz zu sehen.

Sonja Vordermaier, 1973 in München geboren, lebt und arbeitet als freie Künstlerin in Hamburg. Sie studierte zwischen 1996-2002 Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Seither hat sie Einzelausstellungen realisiert, zuletzt 2009 in der de Soto Gallery, Los Angeles; 2008 in der  Galerie Lena Brüning, Berlin, und 2007 in der Kunststiftung Erich Hauser, Rottweil; Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen u.a. im Marta Herford, 2010; in der Kunsthalle zu Kiel, 2009; im Harburger Kunstverein (mit Geelke Gaycken), 2008 ; in der Kunsthalle Mannheim, 2007 und im MAK Center, 2006, Los Angeles; Preise und Stipendien: 2008 erhielt Sonja Vordermaier das Joshua Tree Highlands Artist Residency-Stipendium in Kalifornien, USA; 2007 den Werkstattpreis der Kunststiftung Erich Hauser; 2006 das MAK-Schindler-Stipendium, Los Angeles, und den Hector Kunstpreis; 2005 das Hamburg-Stipendium.