Dekor für einen Integrationskurs

Bildinstallation von Christine Lemke

BI Bürgerinitiative ausländische Arbeitnehmer e.V., Stadtteilbüro Veddel, Sieldeich 34, 20539 Hamburg, Position (3)
Diashow auf Vimeo

Christina Lemke, "Dekor für einen Integrationskurs", 2010, Bildinstallation, Abb.: Detail, copyright Langenscheidt KG, Berlin und München 2002

„Die Sprache ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration“, lautet eine der zentralen Thesen des 2005 in Kraft getretenen neuen Zuwanderungsgesetzes. Den Kern des bundesweiten Integrationsprogramms bilden seither die so genannten Integrationskurse. Programmatische Zielsetzung ist es, die Vermittlung der deutschen Sprache mit auf Migranten zugeschnittenen lebenspraktischen Inhalten und landeskundlichen Elementen über Deutschland, deutsche Kultur und Geschichte zu verbinden.

In den speziell für Integrationskurse entwickelten und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugelassenen Lehrwerken tritt – um Realismus bemüht – eine politisch korrekte und pädagogisch durchdachte, aber letztlich fiktive, deutschsprechende oder deutschlernende Bevölkerung auf. In Fotografien abgelichtet oder in Illustrationen zeichnerisch umgesetzt, wird die Vorstellung von einer repräsentativen deutschen Durchschnittsgesellschaft und ihrer Lebenswirklichkeit konstruiert. Es entsteht ein bunter Reigen oftmals vereinfachender, manchmal auch überzeichneter bildlicher Darstellungen von Männern und Frauen, von „Einheimischen“ und „Migranten“, von Erwachsenen, Kindern und Familien in ihren zugewiesenen alltäglichen Rollen, Bezügen und Tätigkeiten.

Christine Lemke, die parallel zu ihrer künstlerischen Tätigkeit auch Deutsch als Zweitsprache in Berlin Neukölln unterrichtet, hat das in der Ausbildung zur zertifizierten Lehrkraft für Integrationskurse angeeignete Instrumentarium der so genannten Lehrwerksanalyse künstlerisch übertragen: Sie hat Bildmaterial aus den Lehrwerken für Integrationskurse ausgewählt, nach bestimmten Themen und Fragestellungen geordnet und zu einer Sammlung verdichtet.

Die Form der im Sprachunterricht oftmals verwendeten „Lernplakate“ zitierend, wird sie für „Aussicht auf Veränderung“ das aufbereitete Bildmaterial in den Kursräumen eines Hamburger Integrationskursträgers präsentieren und es so den Kursteilnehmer/innen wie einem größeren Publikum zur Anschauung und Kritik freigeben. Das auf diese Weise aus seinen definierten Bedeutungszusammenhängen gelöste Material kann einerseits als Vorschlag für Sprechanlässe der Kursteilnehmer/innen im Integrationskurs selbst funktionieren. Andererseits entsteht für Nicht-Kursteilnehmer eine begehbare Installation, die einen Blick auf eine visuelle Lernwelt und deren Ikonographie erlaubt und darüber hinaus einen Einblick in die Arbeit und die Unterrichtsmaterialien der Integrationskurse gibt.
(Christine Lemke)

Christine Lemke, geboren 1967 in Bad Schwalbach im Taunus, lebt und arbeitet als Künstlerin/Autorin in Berlin. Sie studierte Literaturwissenschaft und Bildende Kunst in Düsseldorf sowie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und hatte ein Residenzstipendium an der Jan van Eyck Academie in Maastricht, NL. Sie veröffentlichte Essays, Katalogbeiträge und Rezensionen u. a. in “Texte zur Kunst”, “Kunst-blog.com”, “LAB Magazine”, “Andere Sinema”. Ihre Textsammlung “How they met themselves” erschien 2007 bei Editions Lebeer Hossmann, Brüssel. Kürzlich veröffentlichte sie ihr erstes Text-Hörstück “Loop” auf Vinyl (“Le musée imaginaire 1″, Doris Lasch/Ursula Ponn & Willem Oorebeek). In Kooperation mit Kerstin Stoll arbeitet sie aktuell an einer Sammlung zu künstlerischer Bild-Forschung, die demnächst unter www.scura.org einsehbar sein wird.