Rialto Pavillon

Fensterfries von Andrea Knobloch

Buswartehäuschen, S-Bahnhof Veddel, Ausgang Harburger Chaussee, Ausstiegshaltestelle der Bus-Linie 13, Position (1)
Diashow auf Vimeo

Andrea Knobloch, "Rialto Pavillon", 2010, courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Andrea Knobloch

Es wartet vergebens, das gläserne Buswartehäuschen an der Ausstiegshaltestelle der Wilhelmsburger Buslinie 13. Die aussteigenden Passagiere strömen achtlos an ihm vorbei zur S-Bahn. Geplant war das sicherlich einmal anders, doch heute warten die Menschen einfach zwanzig Meter weiter links auf den Bus – und das Häuschen bleibt leer. Andrea Knobloch verwandelt es mit transparenten farbigen und spiegelnden Dreiecksflächen in ein begehbares Kaleidoskop, das die eiligen Aussteiger zum Innehalten und Verweilen einladen möchte.

Denn das Überbleibsel der alten Verkehrsplanung ist besonders: Der solide gebaute, voll verglaste, aus zwei sechseckigen Grundflächen gefügte Pavillon mit Kupferdach wirkt heute fast wie ein modernes Kunstwerk im öffentlichen Raum – formschön und funktionslos. Für Andrea Knobloch wurde er zu einem Sinnbild für künstlerische Ansprüche, vergebliche Planungen, aber auch für Geschichte und Gegenwart der Elbinseln. Denn in dem kleinen, modernen Pavillon kreuzen sich abendländische und orientalische Baugeschichte. Folgt man den bauhistorischen wie kulturellen Hintergründen, entdeckt man seine Verwandtschaft mit orientalischen Kiosken und romantischen Gartenpavillons. Diese Baugeschichte korrespondiert mit dem Ort, an dem der Pavillon steht: Der S-Bahnhof Veddel ist wie kaum ein anderer Ort in Hamburg eine kosmopolitische Durchgangsstation, ein städtischer Umsteigeplatz für Menschen aus Europa, dem vorderen Orient und vielen anderen Teilen der Welt.

Andrea Knobloch vertieft die Beziehungen zwischen Orient und Okzident noch, indem sie den Pavillon mit farbigen Ornamenten überklebt, die sowohl die Drehbewegung eines Kaleidoskops nachempfinden als auch die formale Grundidee islamischer Muster aufgreifen, die sich – anders als europäische Rapporte – in verschlungenen Liniennetzen entfalten. So lässt sie einen Lichtdurchfluteten Farbraum entstehen, der zugleich in alle Richtungen durchsichtig scheint, denn selbst seine mit spiegelnder Folie beklebten Flächen zeigen Bilder von Wilhelmsburger Fenstern, geben Ausblicke auf das, was in der näheren und weiteren Umgebung zu sehen ist.

Der Titel „Rialto Pavillon“ fasst das komplexe künstlerische Programm zusammen: Rialto ist nicht nur der Name der berühmtesten venezianischen Brücke, auf der Händler aus Orient und Okzident Verkaufskioske betreiben, sondern Rialto heißt auch das einzige Wilhelmsburger Kino, ein Lichtspielhaus, das schon seit vielen Jahren geschlossen ist. Für einen Monat wird nun der vergessene Pavillon am Ende der Buslinie 13 stellvertretend zu einem unerwarteten Illusionsraum, in dem sich die vergangenen und gegenwärtigen kulturellen Traditionen der Elbinseln brechen und spiegeln.

Andrea Knobloch, geboren 1961 in Hamburg, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Nach dem Studium der Freien Kunst / Bildhauerei an der HfBK Hamburg und dem Abschluss als Meisterschülerin an der Kunstakademie Düsseldorf, 1992, entwickelte Andrea Knobloch kontextbezogene Projekte und Raumarbeiten, in denen sie alltägliche Lebenswelten und Gestaltungen erforscht, dokumentiert und neu interpretiert. Untersucht werden die Wechselbeziehungen zwischen materieller Erscheinung und darin eingebetteten sozialen / politischen Strategien der Aneignung und Nutzung von Räumen. Sie arbeitet theoretisch und praktisch zu den Themen “Kunst und Öffentlichkeit”, “Kunst und Stadtentwicklung” sowie “Stadtnatur”. Zuletzt war sie u. a. an folgenden Projekten beteiligt: Reise nach Surinam, Festival der Regionen, Linz, 2009, Schöne neue Welt, in der ReiheSTADTanSICHTEN, ifa-Galerien Berlin, Stuttgart, 2009 (mit Silke Riechert), Mitinitiatorin der „Akademie einer anderen Stadt“ und Co-Kuratorin von „Aussicht auf Veränderungen“ (2009/10)