Hochparterre Altona

Performance von Nevin Aladag
Kanzlei Küster-Ergin, Große Bergstraße 253, 22767 Hamburg, Position (3)
Diashow auf Vimeo

Aufführungen mit Joana Praml: 09.09. / 12.09. / 19.09. / 26.09. / 03.10.2010 ab 14 Uhr zur vollen und zur halben Stunde, letzte Vorstellung 18:30 Uhr

"Hochparterre Altona", Video von Nevin Aladag, 2010, courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Nevin Aladag, Fotografie © Akademie einer anderen Stadt, www.karingerdes.de

Vor dem Fenster Ledercouch und Wohnzimmerlampe. Das, was eigentlich dahinter liegt, drinnen, ist nach draußen geschafft worden, ist gleichzeitig öffentlich gemachter Privatraum und der Ort, von dem aus man zuschaut. Man nimmt also Platz, das Fenster geht auf – und dann spricht eine junge Frau aus dem Wohnzimmer heraus auf die Straße. Sie erzählt vom Alltag und seinen Problemen, von Nachbarn, Freunden und Idioten, von Ausländern und Deutschen, sie poltert und ätzt, sie gibt sich versöhnlich, nachdenklich, schüchtern und vorlaut. Die Straße erzählt von sich. In vielen Farben und Akzenten, in besserem und schlechterem Deutsch, mit Jungmädchen- und Altherrenstimmen. Aber immer aus dem Mund der Schauspielerin Joanna Praml, die da im Fenster lehnt.

Nevin Aladag hat mit Anwohnerinnen und Anwohnern der Großen Bergstraße über die Große Bergstraße gesprochen und aus den Begegnungen ein Hör-Porträt der Straße collagiert. In der performativen Arbeit „Hochparterre Altona“ bekommt der vielstimmige Zusammenschnitt ein einziges Gesicht: das einer Schauspielerin, die zum Playback den Mund bewegt und die unsichtbaren Sprechenden in punktgenauer darstellerischer Pantomime skizziert.

Nevin Aladags Arbeit ist ein gleichzeitig direktes wie künstlerisch verformtes Abbild der Realität, eine Milieustudie, die ihren ‚Objekten’ – den Anwohnerinnen und Anwohnern – ihre eigenen Stimmen lässt, sie dabei aber nicht plump ausstellt. Da Aladag den visuellen Abgleich zwischen Aussage und Aussagenden verweigert, sperrt sie sich gegen die vollumfängliche dokumentarische Echtheit, die – wird sie in den Kunstkontext transponiert – so oft nur das lustvoll-amüsierte Bestaunen exotischer Lebenswelten befördert. Wenn bei Aladag jedes auf der Straße gesammelte Statement dasselbe Interface hat, das Gesicht einer Performerin nämlich, laufen die Sprechenden nicht Gefahr, als prototypische Insassen eines Soziotops wahrgenommen zu werden. Sie liefern vielmehr als souveräne Subjekte in einer sich immer als solche transparent machenden Inszenierung eine dichte Beschreibung ihres Umfelds. Heraus kommt eine konkrete Poesie der Großstadt, in der Betrachter, Schauspielerin und O-Ton-Geber nicht vorgeführt, sondern zu Akteurinnen und Akteuren eines fairen Spiels mit Authentizität und Neugierde werden.
(Kirsten Riesselmann)

An vier aufeinander folgenden Sonntagen ist Nevin Aladags Performance mit der Schauspielerin Joanna Praml im halbstündlichen Rhythmus auf der Großen Bergstraße live zu erleben. Zusätzlich läuft in der Aufsichtskabine des Harburger Busbahnhofs eine Videofassung der Performance.

Nevin Aladag, geboren 1972, lebt und arbeitet in Berlin. In den letzten Monaten hat sie u. a. in Linz als Eingangsinstallation für die Biennale Cuvée (2010) eine zweispurige Aschebahnrampe aus Teppichläufern gelegt, in Paris hundert Tänzerinnen und Tänzer in der Académie des Beaux-Arts eine Stunde lang ohne Musik durch die Ausstellungsräume tanzen lassen (2010) und bei der 11. Istanbul Biennale (2009) Stadttauben dazu gebracht, an den Saiten einer Saz, einer türkischen Laute, zu zupfen.