Passagen – Eine Ortsbeschreibung im Durchgangsverkehr

Filmprojektion von Dorothea Carl

Ehemaliges Restaurant, 1. Etage, Neue Große Bergstraße 18, 22767 Hamburg, Position (2)
Diashow auf Vimeo

Dorothea Carl, "Passagen", Video, 2010, Filmstill, courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Dorothea Carl

Warten ist lästig bis ärgerlich. Aber es hat einen besonderen Reiz, wenn man andere dabei beobachtet. Dorothea Carl hat in ihrem Film „Passagen – Eine Ortsbeschreibung im Durchgangsverkehr“ das Warten, Ankommen und Gehen auf dem S-Bahnsteig Hamburg Veddel verfolgt: Wer schon einmal mit der S 3 nach Süden gefahren ist weiß, dass diese Station im gefühlten Nirgendwo liegt: auf einer Brücke über einem Verkehrsknotenpunkt zwischen Freihafen und Autobahn, inmitten an- und abfahrender Busse und vorbeirauschender LKWs. Hier bleibt niemand länger als er muss.

Über den Lauf eines Jahres nahm Dorothea Carl Menschen an dieser S-Bahn-Station auf,  sommers wie winters, morgens, mittags, abends, nachts. Der Film verdichtet dieses Jahr der Beobachtung auf einen einzigen Tag, die Jahreswechsel scheinen auf der S-Bahnstation Veddel in nur 24 Stunden zu vergehen. Die Schnitte des Films werden ermöglicht durch die vorbeifahrenden Busse, Bahnen und LKWs – der anonyme Gestus des Pendelns im täglichen Leben. Das Ergebnis ist ein meditativer, sogartiger Rhythmus aus Warten,  Stillstand und schneller Bewegung.

Mit ihrer filmischen Langzeitbeobachtung hat Dorothea Carl die spröde Schönheit dieses abseitigen Stadtraums und der Bewegungen seiner Benutzer eingefangen. Sie hat aus dem Ort des vorübergehenden Aufenthalts und der flüchtigen Begegnung einen belebten Laufsteg des Alltags werden lassen. Im Film flanieren die Passanten aller Nationen und Glaubensrichtungen, die auf den Elbinseln und vor allem auf der Veddel leben. Alle Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder, die schlendern oder rennen, um ihre Züge Richtung Hamburg Zentrum oder Richtung Harburg zu erreichen, werden zu Protagonisten des Films. Mit jedem neu  auftretenden Menschen kommt eine neue Geschichte in die kommentarlosen Filmbeobachtungen, die, wenn auch nicht erzählt, sich doch in kleinen Gesten und Bewegungen andeutet und aus der gefilmten Distanz lesbar wird.

Der Filmessay über die Veddel wird im September nach Altona in die Neue Große Bergstraße gebracht und lädt hier zum Staunen ein über die gelebte Globalität der Stadt.

Dorothea Carl, geboren 1962 im westfälischen Münster, lebt und arbeitet als freie Künstlerin und Filmemacherin in Hamburg. Sie studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Sie arbeitet mit bildlich verdichtetem, oft seriellem dokumentarischen Bildmaterial und / oder mit Interviews für ihre Videoinstallationen, Kurz- und Dokumentarfilme. Sie nimmt an Ausstellungen teil und zeigt ihre Filme auch auf internationalen Filmfestivals. Zudem gehört sie zum Team der Filmvermittler der KurzFilmSchule und war  maßgeblich an dem Projekt „Quer über die Elbe“ beteiligt, das ebenfalls für „Aussicht auf Veränderungen“ entstand. Mehrere ihrer Filme sind im Verleih des arsenal experimental Berlin.