Probewohnen in Wilhelmsburg
Rauminstallation / Öffentliche Intervention von Christian Hasucha
Marktkauf-Parkdeck, oberes Parkdeck, Wilhelm-Strauß-Weg 4, 21109 HH, Position (3)
Diashow auf Vimeo

Christian Hasucha, "Probewohnen in Wilhelmsburg", 2010, Rauminstallation courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Christian Hasucha
In Wilhelmsburg kann man für einen Monat über den Dingen schweben und die Stadt aus privilegierter Höhe betrachten. Allerdings ist das Vergnügen geteilt. Denn Christian Hasuchas luftige Loggia für das „Probewohnen in Wilhelmsburg“ steht auf einem Baugerüst, das seinerseits auf dem obersten Deck des Marktkauf-Parkhauses am S-Bahnhof Wilhelmsburg steht. Die Loggia ist nur zu zwei Seiten durch Wände geschützt und steht an den anderen zwei Seiten weit offen, so dass jeder, der sich hier einfindet, um den weiten Blick auf SBahnen, Züge, Busse, Einkaufszentrum, Hochhäuser und Baustellen zu genießen, von den anderen beim Probewohnen beobachtet werden kann.
Hasucha macht aus dem Ausblick auf das IBA-Planungsgebiet „Neue Mitte Wilhelmsburg“ und das Sanierungsgebiet um den Berta-Kröger-Platz eine luxuriöse und exklusive Angelegenheit. Zugleich stellt er das Ausblicken selbst zur Schau. Seine Probewohnung ist kein Rückzugsraum, sondern eine ungewöhnliche Bühne. Jeder, der sich auf das Wohnexperiment einlässt, kann sie nicht nur nach eigenen Vorstellungen gestalten, sondern auch nach eigenem Interesse als Mitteilungsraum für persönliche, politische oder kulturelle Botschaften nutzen.
„Probewohnen in Wilhelmsburg“ ist ein schnittiger Werbeslogan, eine Parodie auf modisches Stadtmarketing. Dennoch ist die Installation auch ein Angriff auf die von Gentrifizierungsgegnern beschworene Homogenität und Geschlossenheit städtischer Nachbarschaften. Bei Christian Hasucha sind Anwohner/innen wie Probewohner/innen gleichermaßen Eindringlinge in die private Sphäre des jeweils anderen. Man kann die Arbeit darüber hinaus als kritischen Kommentar auf das Zeitalter der Reality Soaps werten, in dem sich so viele Menschen als Schauspieler vorgegebener Rollen in der Öffentlichkeit präsentieren.
Die Loggia mit den Maßen 2,80m x 2,80m x 2,60m wiegt rund 2000 Kilo und wird von einem massiven Baugerüst in 2,20m Höhe getragen. Ab Juli 2010 konnten Interessenten die Loggia reservieren, Anfang August war sie bereits ausgebucht. Eine Basisausstattung aus Tisch, Stühlen und Grill steht zur Verfügung, die Farbe der Wand wird je nach Wunsch neu aufgetragen. Darüber hinaus hat jeder Gast die Möglichkeit, kleinere Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände nach Wilhelmsburg mitzubringen, um den Tag dort nach seinem Geschmack zu gestalten.
Hasucha, der die Projektreihe „Probewohnen“ im Grenzort Slubice in Polen begann, stellt sich das so vor: Einige Gäste nutzen den Ort, um ihre Arbeit mit dem Notebook fortzusetzen, andere zum Schauen und Nachdenken oder Dichten, wieder andere zum Reden und Feiern mit Freunden.
Christian Hasucha lebt und arbeitet in Berlin und an immer neuen Orten vor Ort. Noch während seines Studiums an der Chelsea School of Art in London gründete er 1981 die Projektreihe Öffentliche Interventionen“. Seitdem realisiert er öffentliche Projekte für Städte und Gemeinden, z.B. in Amsterdam, Berlin, Budapest, Dortmund, Dresden, Graz, Köln, London, Münster, Rom, St. Petersburg, Saragossa und nicht erst in diesem Jahr auch in Hamburg. Er erhielt u. a. ein Arbeitsstipendium vom Kunstfonds Bonn und ein Auslandsstipendium des DAAD für London. Seit 1984 übernahm er Lehraufträge und Gastprofessuren in Berlin, London, Trondheim, Kassel und Weimar. Mehr Infos: www.hasucha.de

