Wie fühlt sich Zuhause an?
Plakataktion von Thomas Wiczak und Schüler/innen der Gymnasien Allee Altona und Kirchdorf Wilhelmsburg
St. Pauli Elbtunnel, Bei den Sankt-Pauli-Landungsbrücken 7 (Eingang), 20359 Hamburg, Position (3)
“Wie fühlt sich Zuhause an?” auf Youtube, der Homepage des Gymnasiums Kirchdorf-Wilhelmsburg und Flickr
Diashow auf Vimeo

Thomas Wiczak, "Wie fühlt sich Zuhause an", 2010, Plakataktion, courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Thomas Wiczak, Fotografie: © Akademie einer anderen Stadt, Thomas Wiczak
Mittlerweile ist er denkmalgeschützt und eine touristische Attraktion, der alte Elbtunnel, der Hamburg bei St. Pauli mit dem Hafen in Steinwerder verbindet. Doch nach wie vor wird er täglich von Pendlern und Hafenarbeitern genutzt, die in Autoaufzügen auf das Tunnelniveau abgesenkt werden und dann im Schritttempo auf die andere Elbseite fahren. Es sind exakt 426 Meter Länge, die der Tunnel unter der Elbe misst. Und auf eben dieser Läge werden 55 Schüler der Gymnasien Kirchdorf Wilhelmsburg und Allee in Altona Bild-Texte plakatieren, die sie zusammen mit dem Berliner Künstler Thomas Wiczak entwickelt und realisiert haben.

Thomas Wiczak, "Wie fühlt sich Zuhause an", 2010, Plakataktion, courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Thomas Wiczak, Fotografie: © Akademie einer anderen Stadt, Tranquillium
Die Größe des Tunnels verlangt große Gesten, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Stadt und ihren Besuchern etwas von und über ihre jungen Bewohner mitzuteilen. Für Thomas Wiczak ist die zentrale Vorbedingung für Kunst und Nachrichten im Stadtraum, dass man sich zuvor klar macht, was es bedeutet, etwas öffentlich mitzuteilen. Große und starke Sprüche sind noch keine Kunst. Wer ernsthaft etwas im Stadtraum mitteilen und bedeutsame Spuren hinterlassen will, der muss zuvor die Stadt und die in ihr vorgefundenen Botschaften lesen lernen. Er muss sein Anliegen und seine Botschaften durchdenken, sich mit Mitteilungsklischees auseinandersetzen.
Ein gemeinsames Anliegen stand deshalb auch am Beginn des Arbeitsprozesses an beiden Schulen. „Wie fühlt sich Zuhause an?“, fragte Thomas Wiczak die Schüler/innen. Es ist eine brisante Frage, denn für sehr viele der Schüler/innen sind Heimat und Zuhause ein ambivalentes Feld. Sie sind in Deutschland geboren, haben aber einen Migrationshintergrund, der sie zwischen verschiedene Heimaten und Vorstellungen von dem stellt, was ein Zuhause ausmacht: das Land, in dem man wohnt, oder das, aus dem die Eltern kommen, die Familie hier und dort, das Haus, die Wohnung, die Einrichtung der Eltern, das eigene Zimmer und die eigenen Freunde, die bestehende Nachbarschaft.

Thomas Wiczak, "Wie fühlt sich Zuhause an", 2010, Plakataktion, courtesy/copyright Akademie einer anderen Stadt, Thomas Wiczak, Fotografie: © Akademie einer anderen Stadt, Thomas Wiczak
Auch wenn diese Ausgangsfrage das Projekt begleitete, so nahm es doch eine etwas andere, unvorhergesehene Entwicklung. Die Botschaften, die nun in den Stadtraum unter der Elbe gelangen, sind sehr freie Äußerungen über die täglichen Gefühle, Ängste und Interessen der Jugendlichen. Die letzten Arbeiten an den Mitteilungen finden im September beim Kleben vor Ort statt, wenn die beiden Schülergruppen von beiden Seiten der Elbe kommend aufeinander zu arbeiten. Ihr Treffen findet aber nicht nur beim Kleben im Tunnel statt, sondern auch beim begleitenden Grillfest auf der Steinwerder Elbseite. Hier werden sie einander endlich kennen lernen.
Am Ende des Wochenendes wird eine fast endlose Bildfolge über die schwankenden Gefühle junger Hamburger beider Elbseiten über ihr Leben allgemein und das Leben in Hamburg an den Wänden des Tunnels zu sehen sein. Fußgänger, Radler und Autofahrer werden sie auf ihrem Weg durch den Tunnel Schritt für Schritt ansehen und lesen können.
ABSATZ
Beteiligte Schüler/innen: Gymnasium Allee in Altona: Ömer Alatas, Tamer Alatas, Betül Arslan, Clemens Bettenhausen, Anna Carvalho da Silva, Johanne Düsterbeck, Shari Ezeh, Nora Feder, Yasin Görgülü, Tjorven Hamdorf, Robert Hemmleb, Fritjof Hermsen, Elena Kehl, Yannic Kitzky, Ediz Könüllü, Cemile Köse, Ellen Kutter, David Manning, Sara Mardanzai, Lisa Moje, Burcu Murtesa, Valerija Music, Carlota Niemeyer, Felix Osterode, Jasmin Schoon, Yelda Shah, Ole Sittel, Elena Siegmund, Susam Sobotta, Senko Torlakovic, Thomas Tsangas, Steffen Wedekind, Bianca Wiedersich; Gymnasium Kirchdorf Wilhelmsburg, Klasse 10: Celina Gomez, Johann Kähler, Ümmünüssah Kalender, Jannika Metz, Meghna Walia, Kareshma Yacubi, Rachel Abella, Michelle Bartels, Denise Kroll, Anna-Lena Tischler, Burcu Ücekl, Esra Sahan, Betül Ekmekci, Mahnaz Baqiri, Angelina Girrullis, Lutz Henkies, Ismail Lokmani, Skalde Lübberstedt, Mandy Päth, Nadin Soares Almeida, Abida Yildirim, Rabia Yildirim
Beteiligte Lehrer/innen: Gymnasium Allee in Altona: Heidrun Kremser, Gymnasium Kirchdorf Wilhelmsburg: Elmer Ulfers, Jantje Egermann
Thomas Wiczak, geboren 1979 in Potsdam, lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte bis zum Sommer 2010 Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Zuvor war er über 15 Jahre aktiver Writer und street artist. Mit Distanz zum Zeitgeist kommentiert er gern ironisch das alltägliche städtische und politische Geschehen. Seit 2004 hat er immer wieder auch organisatorische, kuratorische und koordinatorische Aufgaben in diversen Gruppenprojekten übernommen. Er ist Teil der Band „Tante Dille“ und war Gast bei zahlreichen Improvisationsperformances. 2009 zeigte er Arbeiten in den Ausstellungen „A new urban subject“ mit Meira Ahmemulic in der Galerie Signe Vad, Kopenhagen und „Wetterstation Berlin“, ebenfalls mit Meira Ahmemulic, im urban art info, Berlin.
