Die Themen der Akademie sind vom Ort abgelesen: Sie sammelt die Sprachen der Stadt, fragt danach, wie Identität durch Kultur gebildet wird, spürt unscheinbaren und verdrängten Kulturen nach, erprobt und ermöglicht immer wieder die Kunst der Öffentlichkeitsbildung.

Sprachen der Stadt

Die Sprache einer Stadt zu sprechen, kann übertragen heißen, sich sicher und souverän durch den Stadtraum zu bewegen, ihre Zeichen deuten zu können und sich ggf. selbstbewusst in sie einzutragen. Hier beginnt kulturelles Lernen. Denn nicht nur die Karten und offiziellen Zeichen, das Sichtbare und bewusst, d.h. immer selektiv Wahrgenommene müssen gelesen und verstanden werden, sondern auch die verborgenen Subtexte, unterschwelligen Codes und Regeln. Sie können angenommen oder auch gebrochen werden. Die Akademie fokussiert deshalb auf die Zeichen der Stadt und die – oft illegalen – Einschreibepraktiken von jungen, kreativen Menschen vor Ort. Von ihnen soll gelernt werden und sie sollen auch von den angebotenen Kooperationen mit Künstler/innen und den Künstlerstatements lernen können.

Kulturelle Identitätsbildung

Bildungsprozesse sind immer kulturelle und soziale Zurichtungsprozesse – egal wie demokratisch und hierarchiearm man sie auch gestalten will. Ins beste Wollen mengt sich Unbewusstes, schleicht sich latenter und meist ungewollter Rassismus, wie er in offiziellen Unterrichtsmedien zu finden ist. In Wilhelmsburg, wo Menschen mit so vielfältigen kulturellen, ethnischen, sozialen und nationalen Hintergründen zusammentreffen, die von etwas umringt sind, das als “deutsche Kultur” anwesend und bestimmend ist, das beschworen und vorm Fremden gerettet werden soll, ist latenter Rassismus unweigerlich vorhanden. Aber es gibt ihn in beide Richtungen. Mit gutem Willen ist er nicht aus der Welt zu schaffen, viel eher scheint hier ein Weg über die Anerkennung der eigenen, kulturell geprägten Vorurteile gangbar zu sein. Die Akademie einer anderen Stadt möchte sich diesem Problemfeld respektvoll und ohne Anklage nähern.

Unscheinbare und verdrängte Kulturen

Das Offensichtliche steht nicht einfach und plump gegen das Unscheinbare und Verdrängte. Auf beiden Seiten gibt es etwas, das entgeht, und etwas, ein Versprechen, das ankommt. Am Offensichtlichen entgehen leicht die sperrigen und widerspenstigen Aspekte, während das Verdrängte bisweilen, nur weil es verdrängt wird, allzu positiv bewertet wird. In der Akademie und den Ausstellungen der Akademie sollen deshalb gerade die Kreuzungen von offiziellen, sichtbaren und inoffiziellen, verborgenen oder übersehenen Kulturen zu zentralen Themen werden.

Zudem wird bei der offiziellen Fokussierung auf Migration der Aspekt der Illegalität fast durchgängig ausgeklammert. Die illegalen Einwander/innen in Deutschland, von denen nicht wenige in Wilhelmsburg leben, führen ein Schattendasein ohne politische Stimme. Ihre versteckten Freiräume werden durch verstärkte Kontrollen (Krankenkassenkarte mit Bild, Schulkontrollen) immer kleiner. Wie und wo leben sie hier? Was bleibt ihnen von ihrer und anderer Kultur? Welche kulturellen Praktiken haben sie entwickelt? Wie können sie eine Stimme erhalten, mit der sie sich nicht selbst schaden?

Kunst der Öffentlichkeitsbildung

Seit 1968 ist die Vorstellung, andere als die konventionellen Öffentlichkeiten zu generieren, eine Leitidee von einem politischen Handeln jenseits der Partei- und Institutionsstrukturen. Der im Anschluss aufgekommene Begriff der “Gegenöffentlichkeit” trägt die Gefahr des Scheiterns bereits in sich: Es wird etwas entgegengestellt, das nur aus der Entgegensetzung Bestand hat. Andere, alternative Öffentlichkeiten bilden sich aber organischer, unscheinbarer und letztlich nachhaltiger als die lautstarke Setzung “Gegenöffentlichkeit” es je vermochte. Die Bildung solcher exemplarischen Öffentlichkeiten, ihre Verzeichnung, Begleitung und vorsichtige Unterstützung möchte die Akademie einer anderen Stadt verfolgen.

Die IBA erprobt in Wilhelmsburg eine ganze Reihe von integrativen Formaten und entwickelt Felder, in denen Partizipation möglich wird. Dennoch kommt immer wieder Kritik auf – und man empfindet sich überrollt von einer Projektlawine, die zwar von bestem Willen getragen ist, aber an den Bedürfnissen vorbei geht. Die Gratwanderung zwischen Planung und Entwicklung, der Wunsch nach so wenig Planung wie nötig und so viel ungesteuerter Entwicklung wie möglich, könnte im Rahmen der Akademie an den wechselnden stadtplanerischen Denkhaltungen/ Kulturen beleuchtet werden, die sich im Stadtraum abzeichnen. Und von Beispielen im Stadtraum ausgehend könnten die Frage nach Beteiligung und Nicht-Beteiligung, die Instanzen und Orte der Partizipation an der Planung verdeutlicht und diskutiert werden.