Familie Tezcan
Video, 2001
Mit ihren Videos und Fotos bemüht sich Nevin Aladag um einen poetischen Dokumentarismus. Wie schon im Kino eines Robert Bresson, fungiert die Kamera hier als ein Instrument, mit dem Situationen aufgezeichnet werden. Die Folge sind lange Einstellungen aus einer unveränderten Perspektive, in denen nichts “erzählt”, aber viel “gezeigt” wird. Die konzeptionelle Klarheit passt zum Inhalt: 1972 in der osttürkischen Stadt Van geboren, handeln Aladags Arbeiten oft von Fremdheit und Selbstbestimmung, wie sie sich heute für türkischstämmige Jugendliche in Deutschland darstellen.
Ihr Video Familie Tezcan (2001) zeigt dies am Beispiel eines jungen türkischen Ehepaars, das Tanz unterrichtet und dabei HipHop mit kurdischen Volkstänzen verknüpft. Im Künstlerhaus Bethanien hat Aladag 2003 für eine Ausstellung eine Kollektion mit T-Shirts hergestellt, die in Blindenschrift den Aufdruck “deutsch”, “türkisch” oder “kurdisch” trugen, so dass der Kommentar zu Fragen nach nationaler, bzw. ethnischer Herkunft eben nur noch für die entsprechend (in Braille) ausgebildeten Personen ein lesbares Zeichen war. In der Fotoserie Freeze (2003) wiederum konnte man die erstarrten Posen von Break-Dancern sehen, während der sie umgebende städtische Raum durch die Langzeitbelichtung der Aufnahmen vollkommen verschwommen war.
Abgrenzung und Vermischung, kulturelle Wurzelsuche und soziale Nähe: Aladag geht es darum, den individuellen Eigensinn im größeren Zusammenhang von Identitätsbildung darzustellen. Sie interessiert sich für Rollenmodelle ebenso wie für die Möglichkeit der Abweichung, die sich beide aus der Erfahrung von Migration ergeben. Schließlich ist Aladag, die in den späten 90er Jahren bei Olaf Metzel in München studiert hat, selbst als einjähriges Kind mit den Eltern nach Deutschland gekommen, weil die Familie am Versprechen von Prosperität und größerer Toleranz teilhaben wollte. Heute thematisiert sie deshalb nicht den Clash der Kulturen, sondern die feinen Risse und daraus erwachsende Vernetzungen, die auch ihr Leben ausmachen.
(Harald Fricke, 2006, Textauszug)
Nevin Aladag, geboren 1972 in Van, Türkei, lebt und arbeitet in Berlin. Sie machte 2000 an der Akademie der Bildenden Künste München ihr Diplom in Bildhauerei. Themen in den Arbeiten von Nevin Aladag sind (interkulturelle) Kommunikation, Vermittlung und Konsensbildung. Bereits während des Studiums war sie Mitbegründerin der Galerie Goldankauf und des Cafés Helga, beide Orte sind zugleich Ausstellungsräume und Interaktionsplattformen. Zwischen 2003 und 2008 erhielt sie mehrere Atelierstipendien, u. a. vom Schloss Bleckede, Niedersachsen, und vom Künstlerhaus Bethanien, Berlin. Ebenfalls im Jahr 2008 nahm sie an der Gruppenausstellung Die Städte sind für euch gebaut in den Künstlerhäusern Worpswede teil. Aktuell ist sie mit ihrer Arbeit What keeps Mankind alive? auf der 11. International Istanbul Biennale, Türkei, vertreten.


