Das Gastmahl-Projekt

Rauminstallation aus Camping-Esstisch mit Gaskocher, Kochtopf, Tütensuppe und kleiner „Gastrosophischer Bibliothek“, 2009

"Das Gastmahl-Projekt", 2009, courtesy/copyright: Harald Lemke

"Das Gastmahl-Projekt", 2009, courtesy/copyright: Harald Lemke

Bei seinem Gastmahl-Projekt geht es Harald Lemke um eine Art ‘gastrosophische Feldforschung’. Versucht wird, die Kunst des Essens als alltägliche Wissenspraxis und kollektiven Prozess einer kulturellen Identitätskonstruktion zu markieren. Geplant sind drei Gastmahle. Jedes Gastmahl steht unter einem bestimmten Motto und wird jeweils an einem thematisch passenden Ort mit einem lokalen Kochkünstler, einem lokalen Gastgeber sowie einem externen Gastredner und interessierten Gästen stattfinden.

Der Fremdling begegnet uns beim Essen in dem ‘Fremdkörper’, den wir uns einverleiben und in dieser Einverleibung zu einem Teil unseres Selbst machen. Meistens denken wir diese Einverleibung des Fremden ausschließlich als Assimilation’ , d.h. als einem Prozess, der zur Angleichung des Fremdlings an die eigene Identität führen soll, indem dessen ‘Andersheit negiert’ wird. Wenn aber der gastrosophische Allgemeinplatz „der Mensch ist, was er isst“ wahr ist, dann stellt sich die Frage, ob wir nicht auch von dem einverleibten Fremden in uns ‘leben’ und dieses Andere für unsere eigene Identität sogar ‘brauchen’?

Zu essen heißt, dem Fremden noch auf eine andere und gastfreundlichere Weise zu begegnen. Nämlich in dem Sinne, dass wir Küchen und Kochkünste aus ‘fremden’ Ländern ‘genießen’ . Schon lange ist das, was man die ‘deutsche Küche’ nennt, ein Sammelsurium (oder Gustatorium) aus zahlreichen fremden Esskulturen. Für viele Menschen in diesem Land ist es eine alltägliche Selbstverständlichkeit, dass die eigene kulinarische Identität ein ‘transkulturelles Konstrukt’ aus französischen, italienischen, türkischen, indischen, chinesischen, afrikanischen, usw. Bestandteilen und Geschmäckern ist. Was bedeutet diese, im wahrsten Sinne des Wortes, eindringliche Fremdenliebe’ – als Gegenmittel zu unappetitlichem Fremdenhass – für unseren alltäglichen Umgang mit dem ‘Anderen’?

Als zukünftige Gastmahl-Themen sind geplant: Die Stadt als Küche und Magen und Die Kunst der Gastfreundschaft. Frisch aufgetischt wird alles im Elbinselsommer 2010.

Harald Lemke lebt und arbeitet in Hamburg. Der Co-Kurator des Elbinselsommers 2008 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Hamburg, studierte Geschichte und Philosophie in Konstanz, Hamburg und an der UC Berkeley, Kalifornien. Er promovierte 1998 in Philosophie an der Universität Frankfurt/ M. Zwischen 2004 und 2006 war er Gast an der Kyoto University, Japan an der Graduate School of Global Environmental Studies. Nach der Habilitation für Philosophie und Kulturwissenschaften war er bis 2007 Lehrbeauftragter am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg. In seinen Arbeiten setzt er sich aktuell mit gastrosphischen Erfahrungen und der Kultur des Essens auseinander, u. a. in Vorträgen, Diskussionen und Installationen.