Phare Ouest

Brest und die Kunst im Sommer.

Ute Vorkoeper, Juli und September 2013

Kunststudent/innen beim Aufräumen zum Semesterende in Brest

Die Stadt ist wie das Land rundherum: weit und windig, klar und kühl und auf gewöhnungsbedürftige Weise schön. Betonweiß leuchtet sie über die “Rade de Brest” – denn fast nichts von ihr, bis auf Teile der Hafenanlagen, ist älter als knapp siebzig Jahre. 

Rade de Brest und Hafenkai

Hitler hatte die Küstenlinien der Bretagne und der Normandie zum Atlantikwall und die besetzten Hafenstädte zu “Festungen” erklärt, für die der Kampf bis zum den letzten Mann befohlen wurde. Am längsten belagerten die Alliierten Brest und zwangen die Besetzer durch Flächenbombardements zur Kapitulation. Fast die gesamte Stadt, alle historischen Gebäude und Kirchen wurden zerstört. Das macht es nicht leicht für Deutsche, unbefangen in diese Stadt zu kommen. Nun, zumindest fällt es mir nicht leicht.

Zusammen mit Sylvie Ungauer, einer Freundin aus gemeinsamen Zeiten im Dortmunder Künstlerhaus, gehen wir durch aus der Zeit gerückte Stadt. Sylvie erzählt, dass es einen Masterplan gab (von Jean-Baptiste Mathon), nach dem Brest neu aufgebaut wurde, und sie zeigt uns ihre Lieblingsgebäude aus der Mid-Century Moderne.

Rue de Siam

Halles St Louis

In der stilistischen Homogenität sucht Brest seinesgleichen in Europa. Allerdings bröckelt der schlechte Beton der Nachkriegszeit überall und macht teure Sanierungen notwendig.

Leere Ateliers im ESA

Sylvie ist Videokünstlerin und Professorin an der École Européenne Supérieure D’Art de Bretagne, der Kunsthochschule in Brest, die ich natürlich sehen will. Allerdings sind Semesterferien und alles ist komplett ausgeräumt.

Studentenkunst in der Tonne

Die Kunst des vergangenen Semesters liegt in Mülltonnen und Containern vorm Gebäude und wartet auf die Verschrottung. Das sei am Ende jedes Semesters üblich, sagt Sylvie.

Auf der Straße treffen wir drei Student/innen, die noch in der Stadt sind. Warum studiert man Kunst in Brest? Weil es freier und offener und internationaler ist als anderswo in Frankreich, erklärt mir ein junger Franzose, der nach einem Gastsemester in Nizza gerade seinen Abschluss in Brest gemacht hat. Paris (link) sei zu teuer und überbewertet und über die Villa Arson (link) urteilt er ähnlich wie ich: wunderschön, aber zu männlich, zu französisch, zu geschlossen.

Kunststudent/innen vor dem Kunstmuseum in Brest

Auch Sylvie findet, dass man in Brest gut und konzentriert arbeiten kann, aber nur dann, wenn man das Geld hat, um regelmäßig reisen zu können. Andernfalls würde man irgendwann durchdrehen im kunstleeren Westen. Es gäbe so gut wie nichts außer der Hochschule. Das Kunstmuseum von Brest zum Beispiel sei krasse bretonische Provinz. Und tatsächlich wirbt es gerade auf Transparenten für die Ausstellungen “Ode an den Regen” und “Die Maler von Pont Aven”. Zum Glück gibt es den Flughafen, von dem aus man billig nach Paris, nach Barcelona oder London fliegen kann.

Wenn für Frankreichs Kunst insgesamt ein gewisser Formalismus und Konzeptualismus kennzeichnend ist, so gilt das für die Kunst im öffentlichen Raum von Brest noch verstärkt: Alles ist hier förmlich, klar und sehr präzise angeordnet wie das Brunnenarrangement der in Deutschland weniger bekannten, ungarisch-französischen Künstlerin Marta Pan auf der grandios weiten und schnurgeraden Rue de Siam. Titel:?«Les lacs».

Brunnen auf der Rue de Siam von Marta Pan

Die bereits 1988 errichteten Brunnen werden aktuell von der Stadt dem Projekt l’art en ligne eingemeindet, das die neue Tram der Stadt, deren letzte Abschnitte erst 2012 eröffnet wurden, mit orts- und bewegungsbezogenen Kunstprojekten begleitet.

Hafenbrücke und Arbre Empathique

Auch die Arbeiten an der Strecke bleiben kühl, selbst L’Arbre empathique von Enric Ruiz Geli, ein Aluminium-Baum, aus dessen Innern heimische Pflanzen wachsen, um ihn zu formen, zu überformen. Oder auch Sylvies “Data Horizon“, ein Video-Totem an einer Endhaltestelle, das Internetdaten nach Themen sondert und in verschiedene Farbspuren zerlegt, die durch die Bewegung der Tramfahrer/innen verschoben werden.

Sylvie Ungauer: Data Horizon

Wer Leere und spröde Schönheit, Besinnung auf präzise Formen und Ordnungen, eine Verdichtung europäischer Geschichte, vernichtet, aber überall in Abwesenheiten und beiläufigen Spuren präsent, dazu weites Meer und schroffe Felsen liebt, der/die sollte hierher kommen, um Kunst zu machen! Hier ist es nie zu heiß, nie zu kalt und der Wind bläst einem den Kopf frei. Vielleicht kann man deshalb auch – far west – zu etwas finden, das antreibt und bewegt und das selbst dann noch besonders ist, wenn es konzeptuell und formal ist. Brest ist einfach zu weit weg von den grassierenden Chichi-Konzept-Banalitäten des globalen Kunstbetriebs.