7 qm Paris

Ein paar Bilder und Gedanken über die eigentliche Unerträglichkeit einer Weltstadt

Ute Vorkoeper, Juli und September 2013

Gärtner und Jogger im Park von Belleville

Paris hat immer nur zwei Seiten. In der Stadt ist es entweder voll oder leer, winzig oder riesig, dreckig oder gepflegt, cool oder hektisch, arm oder reich..

Straßenecke in Belleville

Oft treten die drastischen Gegensätze erschreckend neben- oder ineinander auf. Schon auf meiner ersten Parisreise in den frühen 1980er Jahren hat mich schockiert, dass die Stadt jeden abweist, der kein Obdach hat. Die Geschäfte werden über Nacht mit schweren Gittern geschlossen, die Privathäuser sind durch Sicherheitsschleusen geschützt, jedes private Eckchen wird eingezäunt und nicht nur die Parks, sogar Treppenstufen vor einzelnen Kirchen werden nach 21 Uhr von hohen Gittern vor den Bürger/innen verschlossen, die hier Zuflucht suchen könnten.

Nur das Eingezäunte wird wirklich sorgfältig gehegt und gepflegt, bisweilen mit einem geradezu absurdem Aufwand wie im Park von Belleville, während nebenan der Dreck durch die nächtlichen Straßen wirbelt.

Maklerbüro in der Nähe der Seine

Verändert haben sich in den letzten 30 Jahren vor allem die Preise für ein Stück Paris. Sie sind ins Abstruse gestiegen: 7 Quadratmeter, ausgewiesen als 20,96 Kubikmeter Paris, gibt es im Sommer 2013 für 168.000,- Euro zu kaufen. Das macht einen Quadratmeterpreis von 24.000,-, bzw. einen Kubikmeterpreis von 8000,- Euro. Wer kauft 7 qm Paris zu diesem Preis? Selbst wenn sie “tout confort”, also mit allem Komfort versehen sind?

Telefonzelle in Belleville

Kurz zuvor noch, in Belleville, habe ich die Notunterkunft eines Obdachlosen in einer Telefonzelle fotografiert: ca. 3 Kubikmeter klein, sans confort, dafür kostenlos.

Natürlich gilt das ähnlich für alle Haupt- und Megastädte. Natürlich ist in Sao Paulo die Kluft zwischen Arm und Reich, Hoffnungslosigkeit und Glück noch größer. Dennoch macht mich Paris ratloser und ärgerlicher, weil die Stadt mitten in Europa liegt, weil sie sich als wichtige Kulturmetropole behauptet und seit einigen Jahren wieder verstärkt als Kunststadt gehypt wird. Auf mich wirkt die neue Coolness von Paris dabei nach wie vor leicht förmlich und leer.

Palais de Tokyo, Untergeschoss

Ein Zeichen dafür ist das Palais de Tokyo – weil die an Berlin erinnernde Punk- und Abbruchästhetik des Hauses inklusive lauter Musik und unverzichtbaren Skatern wie ein Lifestyleprojekt am eleganten Seineufer wirkt, das den Besucher/innen Teilhabe an importierter Hipness suggeriert. Anzurechnen ist dem Palais aber natürlich, dass es den sonst sehr aufs eigene Land begrenzten Kunsthorizont Frankreichs auf die Welt ausweitet und vermehrt auch Kunst aus den ehemaligen Kolonien zeigt.

Diese Globalisierung des Blicks macht an anderer Stelle aber schon wieder weniger froh, wenn Galerien und Szenerestaurants zwischen traurigen Billigshops und asiatischen Fastfoodläden Belleville unwillentlich, aber unweigerlich zur pittoreske Kulisse des globalen Kunstbetriebs machen, der per Jet ein- und ausfliegt. Das schießt meilenweit über das hinaus, was in Deutschland als Gentrifikation angeprangert wird, wo man uns wegen engagierter, ortsbezogener, offener Kunst- und Bildungsprojekte, (die auf dieser Webseite dokumentiert sind) als Gentrifiziererinnen von Hamburg Wilhelmsburg angegriffen hat. Ein Ausflug nach Paris macht die Fallstricke der deutschen Gentrifizierungsdebatte deutlich.

Trashmarkt an der Peripherique

Mir hat der Ausflug deutlich bestätigt, dass der Markt die krassen Ungerechtigkeiten der Welt immer weiter verschärfen wird, und dass Politik – wie auch Kunst – herausgefordert sind, weiterhin besondere Anstrengungen zur Förderung von Engagement, zur Etablierung von Dialogfeldern und damit zur Verbesserung der Lebensqualität so vieler Menschen wie möglich in der ganzen Stadt (und Welt) zu unternehmen. Ich denke dabei weniger an wohlmeinende, entmündigende Hilfs- und Transferleistungen als an alle nur denkbaren ästhetischen und politischen Formen der involvierenden Ansprache, der Provokation und Verführung zu Wahrnehmung und Engagement.