25 Stunden Mannheim

Ute Vorkoeper, 24.-25.3.2012

Blick vom Kasernengelände der Turley Barracks auf Eigenheime

Nach 4 Stunden 44 ICE-Minuten komme ich am Nachmittag im Sonnenschein an. Die Mannheimer laufen in T-Shirts herum und ich ziehe schwitzend mein Gepäck durch die Quadratestadt. Man sollte meinen, dass man sich in einer derart übersichtlich gegliederten Stadt nicht verlaufen kann, aber ich schaffe es…

Bildstrecke 25 Stunden Mannheim

Denn wirklich logisch ist das hier keineswegs. Der Versatz zwischen L6, M6 und N6 wirft mich jedenfalls aus der Bahn und im Hotel muss ich mich beeilen. Denn vor dem Abendessen mit Dr. Konrad Hummel, dem Leiter der Konversion in Mannheim, und der anschließenden Premiere von Iphignie auf Tauris im Nationaltheater will ich noch schnell zur Vernissage der Pipilotti Rist Ausstellung in der Kunsthalle. Auf dem Weg dorthin schlendere ich durchs samstägliche Shoppingvergnügen auf der Heidelbergerstraße (probiere auch schnell eine Jacke an) und laufe dann direkt auf den schönen Wasserturm zu. Das Publikum ändert sich schlagartig. Über den Friedrichsplatz in Richtung Kunsthalle strömen – sichtbar – die kulturinteressierten Bürger/innen. Für eine Stadt mit 300.000 Einwohner/innen ist der Auftrieb und die hörbare Begeisterung während der Eröffnung beeindruckend. Die Ausstellung ist groß und bietet Rist pur. Einige der alten Arbeiten sind da, aber auch neue Rundumvideolounges. Da die Kunsthalle nur 10 Gehminuten vom Bahnhof entfernt liegt, lohnt es sich, an der ICE-Drehscheibe Mannheim (100.000 Ein-, Um- und Aussteiger gibt’s dort pro Tag) auszusteigen.

Die Vernissage findet offenbar schon um 18 Uhr statt, damit die Leute danach in die Vorstellungen des Nationaltheaters gehen können. Alle, mit denen ich hier und später im Theater spreche, kennen die wichtigen Kulturevents ihrer Stadt und ich lerne schnell, dass ich eins der wichtigsten am nächsten Tag verpassen werde: die Premiere der Walküre aus der Ring-Inszenierung von Achim Freyer. Da werde ich schon wieder abgefahren sein – nicht ganz zu meinem Bedauern;-)

Zunächst aber esse ich Sushi mit Dr. Hummel und höre gerne zu, wie er kundig und spannend Mannheims Stadtentwicklungsgeschichte zwischen begradigtem Rhein und kanalisiertem Neckar ausbreitet. Wir teilen die Liebe zum Wasser in der Stadt. Dann skizziert er die Chancen und komplexen Probleme der Mannheimer Konversionsflächen. Es geht hier um gigantische 500 ha innerstädtische Kasernengelände, die bis 2015 von der U.S. Armee frei gegeben werden. Eigentümer der Gelände und Gebäude ist der Bund – damit ist der Hauptkonflikt genannt. Die Stadt strebt in einem großen und offenen Beteiligungsprozess eine integrative Entwicklung dieser Gelände an, aber der Bund will lieber an die meistbietenden Investoren verkaufen. Ein unfairer Wettbewerb mit unklarem Ausgang, abhängig von Verhandlungsgeschick oder von Investorenpleiten und ?pannen. Man muss die Daumen drücken.

Nach vier Workshops mit Experten (da lass ich die männliche Form stehen, denn es waren fast nur Männer eingeladen, und überhaupt habe ich die Stadtentwicklung bislang als Männerdomäne erlebt, vor allem in den Machtpositionen, aber das wäre eine eigene Analyse wert) und Bürger/innen haben sich in den letzten Monaten fünf Säulen herauskristallisiert, die in einem sachkundigen und ausgewogenen Weißbuch herausgearbeitet werden: grün & blau Rhein-Neckarpark, Campus- & Ingenieursmeile, Energetisches & qualitätsvolles Bauen, Wohnen & Zusammenhalt und – genannt in der Schnittmenge Bildung/Kultur – Kunst- & Arbeitshöfe.

Wegen dieser Schnittmenge Bildung/Kultur bin ich in Mannheim. Ich soll am nächsten Mittag zusammen mit den Experten Carl Fingerhuth, Franz Pesch, Winy Maas sowie der Theater- und Filmemacherin Gesine Danckwart aufs Podium und den Aspekt der Kultur im Konversionsprozess, z.B. durch Erfahrungen aus Hamburg ausbauen. Das wird mir aber nur am Rande gelingen, da die Unklarheiten über die Besitzverhältnisse und generelle Fragen der Stadtentwicklung noch viel zu sehr dominieren und eine differenzierte Debatte der Kunst/Kultur im Konversionsprozess deshalb zu kurz kommen muss. Die bisherigen Überlegungen dazu sehen die Kulturschaffenden leider noch überwiegend als Nutznießer/innen und Kreativunternehmer/innen, d.h. zum einen als willkommene Zwischennutzer/innen, Platzhalter/innen und schließlich Endabnehmer/innen von Ateliers in Arbeitshöfen, zum anderen als Teil einer auszubauenden, zu befördernden Kreativwirtschaft.

Aus meiner Sicht werden die Chancen der Einbindung künstlerischer Prozessideen und Gestaltungen in den Entwicklungsprozess damit zu wenig gesehen. Vor allem weil der Entwicklungsprozess in Mannheim ein wirklich offener und unabsehbarer Prozess zu sein scheint. Und noch die angestrebten Zwischenlösungen, nämlich Freiflächen- oder Freiraumbespielung durch einzelne Künstler/innen, erscheint mir wenig innovativ und zukunftsweisend. Überhaupt: Bespielung? Der vielgestaltige Stadtraum ist k e i n neues, pittoreskes Museum und k e i n e neue, hippe Bühne. In der Stadt sind m.E. zudem andere als die konventionellen Formate, es sind offene, prozesshafte, forschende, bewegende, dialogische, gemeinschaftliche ästhetische Formen gefragt. Statt also allein auf neue Wirkungsstätten nach traditionellem Muster zu setzen, wäre es deshalb wichtig, ein für alle Institutionen und Szenen der Stadt offenes, in Austausch und Bewegung versetzendes Kunst/Kulturkonzept mit offenem Ausgang und vielgestaltigen Erscheinungsformen zu entwerfen. Gesine Danckwarts Audiowalk am Vormittag quer durch die Geschichte der historischen Kaserne Turley Barracks, erbaut 1901 im deutschen Kaiserreich, kann hierfür als Einstieg und Eröffnung gelten.

Das ist anderes Theater als die Iphigenie im Theaterraum. Das bildungsreiche deutsche Drama wird in Mannheim in minimaler Kulisse und casual clothes, mit viel Licht und Gegenwartsgesten, auch in der Sprache gezeigt. Die Iphigenie ist Goethes Frauenstück. Alle Männer sind schwach, die Griechen wollen durch Täuschung fliehen, der Skytherkönig Thoas droht in barbarische Traditionen zurückzufallen, nur die ohne eigenes Wollen zur Priesterin gemachte Frau ist die reine Aufrichtigkeit. Sie bleibt sich trotz Schicksalslast treu. Dennoch langt einem der weibliche Edelmut nach 1:35 Stunden. Auf der Premierenfeier komme ich ins Gespräch mit der theaterbegeisterten Sabine, lerne kurz die Dramaturgin und den Schauspieler des Thyas kennen, um anschließend noch auf eine kleine Fototour durchs nächtliche Mannheim zu gehen.

Und noch einmal erstaunt mich die Stadt. Ich komme zunächst an einer gepflegten Großtanzveranstaltung in hohen gläsernen Hallen vorbei, offenbar eine Mischung aus Abschlussball und Gala. Dann treffe ich auf luxuriöse, leere Restaurants, umkreise den Friedrichsplatz, das ist der mit dem tollen Wasserturm, und biege zum Schluss in die Kunststraße ein. Ausgerechnet hier steppt der Bär. Junge Leute bevölkern die Straße und drängen sich in Bars oder Discos, die Ezgi Türkü Evi, Kaffee Abaton, XS Café Bar und Club Ritzz heißen. Gleich zwei Megastrechtlimousinen fahren mit einer Ladung laut gackernder Mädchen an mir vorbei, die mich veralbern, weil ich sie fotografiere.

Nach genau 25 Stunden fahre ich mit einem guten Gefühl hier ab. Mannheim hat es. Architektonisch und gestalterisch schroff (hinterm Schloss sieht man nicht mal den Rhein, sondern nur Rheinbrücken), Gegensatz knallt auf Gegensatz, aber die Bewohner/innen sind aufmerksam, offen, leutselig und haben reichlich Humor.